Wann ist eine individuelle Förderung von Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben angezeigt?

Individuelle Förderung außerhalb des regulären Unterrichts ist erforderlich, wenn ein Kind beim Erwerb der Schriftsprache massive Schwierigkeiten hat.

  • Wenn ein Kind im Lesen und/oder Rechtschreiben deutlich hinter den Lernzielen der Klasse zurückbleibt, ist eine individuelle Förderung über den regulären Unterricht hinaus angezeigt. Die Wirksamkeit individueller Förderung ist i.d.R. umso größer, je früher besondere Schwierigkeiten beim Erwerb von Lesen und/oder Rechtschreiben bei einem Kind erkannt werden und je eher eine entsprechende individuelle Förderung beginnt.
  • Bei Kindern, die individuelle Förderung erhalten, sollte regelmäßig überprüft werden, ob es zu einem Lernfortschritt kommt, die Förderung also wirksam ist. Bei Ausbleiben von Fortschritten ist zu überlegen, wie die Förderung angepasst werden kann.
  • Empfohlen wird, Überprüfungen der Lernfortschritte im Lesen und/oder Rechtschreiben mehrfach während eines Schulhalbjahres durchzuführen.
  • Zeigt ein Kind trotz individueller Förderung keine Lernfortschritte, sollte überprüft werden, ob besondere Lernschwierigkeiten im Bereich des Lesens oder Rechtschreibens vorliegen. Auch ist zu prüfen, ob zusätzlich eine Lerntherapie für das Kind erforderlich ist. Dazu sind ggf. weitere Experten aus den Bereichen der Schulpsychologie, der Sonderpädagogik, der Sozialpädiatrie oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie hinzu zu ziehen.

Liegt den Problemen im Lesen und/oder Rechtschreiben eine Lernstörung zugrunde?

Zeigt ein Kind anhaltend Probleme beim Schriftspracherwerb kann eine Lese- und/oder Rechtschreibstörung vorliegen.

Schwierigkeiten beim Erlernen des Lesens und Schreibens sind schon recht früh zu Beginn des Schriftspracherwerbs in der Grundschule zu beobachten:

  • Kinder mit einer Lesestörung bewältigen Leseanforderungen nur mühsam. Meist zeigen sich zunächst Probleme im Bereich der Phonologie, dann bei der Buchstaben-Laut-Zuordnung (Graphem-Phonem-Zuordnung). Besonders auffällig sind Schwierigkeiten beim Zusammenlauten von Phonemen. Selbst wenn die Anfangsphoneme von Wörtern noch richtig erlesen werden, fehlt oftmals der Rest, oder aber er wird erst sehr verzögert artikuliert.
  • Die Rechtschreibstörung fällt durch sehr viele Fehler beim Schreiben von Wörtern, Sätzen und Texten bei Diktaten und auch beim Abschreiben auf. Hierbei kann dasselbe Wort mehrmals unterschiedlich falsch geschrieben werden.
  • Manchmal treten eine Lesestörung und eine Rechtschreibstörung auch zusammen auf, was dann als kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung bezeichnet wird.
  • Kinder mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung verfügen über eine normale allgemeine Lernfähigkeit. Im Vergleich mit Gleichaltrigen zeigen sie jedoch erhebliche Schwierigkeiten beim Schriftspracherwerb.

 

Anzeichen besonderer Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben

Besondere Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben fallen durch eine Vielzahl von Symptomen auf. Diese Anzeichen können jedoch unterschiedlich stark ausgeprägt sein und müssen nicht alle gleichzeitig vorliegen.

 

Anzeichen einer besonderen Lernschwierigkeit im Lesen sind:

  • Größte Mühen, die Grapheme in einem Wort in Laute umzuwandeln und das Wort zu erkennen.
  • Erraten statt Erlesen von Wörtern.
  • Wörter oder Wortteile werden ersetzt, ausgelassen oder hinzugefügt.
    • So kann z.B. das Wort „Gebäude“ durch „Haus“ ersetzt werden, das Wort „Fahrkarten“ durch Auslassung zu „Fahrten“ werden.
  • Mühsamer oder zögerlicher Lesebeginn beim lauten Lesen
  • Verlieren der Lesezeile
  • Stockendes Vorlesen
  • eine sehr geringe Lesegeschwindigkeit
  • Beim Vorlesen werden Wörter unpassend oder nicht im Sinne des Wortes betont.
  • Der Sinn des Gelesenen kann nicht richtig wiedergegeben werden.
  • Zusammenhänge aus dem Gelesenen werden nicht verstanden oder erkannt.

 

Anzeichen einer besonderen Lernschwierigkeit im Rechtschreiben sind:

  • Hohe Fehlerzahl beim Schreiben von Wörtern, Sätzen oder Texten oder beim Abschreiben
  • Schwierigkeiten, ganze Wörter in Einzellaute zu zerlegen
  • Schwierigkeiten bei der Laut-Buchstaben-Zuordnung (Phonem-Graphem-Korrespondenz)
  • Buchstabenfolgen stehen in keinem lautlichen Zusammenhang mit dem zu schreibenden Wort, das geschriebene Wort ähnelt einer Wortruine, die sehr wenig mit dem zu schreibenden Wort zu tun hat, z.B. „Rke“ anstatt „Rakete“
  • Buchstaben eines Wortes werden ausgelassen, hinzugefügt oder umgestellt, wie z.B. „Tefle“ statt „Telefon“ (Auslassung), „Nhase“ statt „Nase“ (Hinzufügung) oder „Rhebarbar“ statt „Rhabarber“ (Umstellung)
  • Schwierigkeiten, Wörter zu schreiben, in denen sich Konsonanten (z.B. K, R, N) häufen, wie z.B. „Kone“ statt „Krone“.
  • Mehrfach unterschiedliche Falschschreibungen der gleichen Wörter
  • Schwierigkeiten beim Einhalten grammatischer Regeln, wie z.B. Groß-und Kleinschreibung, Interpunktion

 

Beobachten erster Anzeichen einer besonderen Lernschwierigkeit im Lesen und/oder Rechtschreiben

Achten Sie in Lernbeobachtungen und Lernproben auf förderrelevante Anzeichen besonderer Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben immer wieder von Anfang eines jeden Schuljahres an:

 

Beim Lesen:

Kann das Kind

  • gelernte Grapheme gut auseinanderhalten und weiß es den jeweils dazugehörigen Laut?
  • die Laute eines Wortes so verbinden, dass das Wort hörbar ist?
  • ihm bekannte Wörter sicher laut vorlesen?
  • ihm unbekannte Pseudowörter laut vorlesen? (Pseudowörter sollten aus Abfolgen von Vokalen und Konsonanten bestehen, die das Kind bereits gelernt hat, z. B. mosi, rane.)

 

Beim Rechtschreiben:

Kann das Kind

  • gelernte Buchstaben sicher aufschreiben?
  • vorgesprochene Wörter in einzelne Laute zerlegen und den Lauten die richtigen Buchstaben zuordnen?
  • ihm vorgesprochene und bekannte Wörter (im ersten Schuljahr nach mehrfachem Üben) sicher schreiben?

  

Feststellen besonderer Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben

Bei Verdacht auf besondere Lernschwierigkeiten im Lesen bzw. Rechtschreiben empfiehlt sich eine Überprüfung durch standardisierte und normierte Verfahren. Dies erfolgt i.d.R. durch externe Experten:

 

  • Screenings können bei einzelnen Kindern oder bei ganzen Klassen sehr ökonomisch durchgeführt werden. Schneidet ein Kind bei einem standardisierten und normierten Screening sehr schlecht ab (Prozentrang < 16), so kann dies als erster Hinweis auf das mögliche Vorliegen besonderer Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben gewertet werden. Für eine Diagnose einer Lese-Rechtschreibstörung  reicht das Screening-Ergebnis allerdings nicht aus.
  • Für die Diagnostik ist die Nutzung von Schulleistungstests, die die einschlägigen psychometrischen Gütekriterien der Objektivität , Reliabilität und Validität erfüllen, unerlässlich.
  • Schulleistungstests

 

Zusätzlichen Belastungen, die bei einer besonderen Lernschwierigkeit im Lesen und/oder Rechtschreiben auftreten können

  • Auftreten zusätzlicher besonderer Lernschwierigkeiten in Mathematik
  • Vermehrtes Vorkommen von Selbstwertproblemen, eingeschränkter Motivation und Überforderung
  • Verstärktes Auftreten von psychosomatischen und psychischen Belastungen, wie Kopf- und Bauchschmerzen, Übelkeit, Angst und Depression
  • Mögliches Auftreten von Aufmerksamkeitsstörungen sowie Verhaltensauffälligkeiten

 

Zur weiteren Abklärung möglicher Zusatzprobleme ist den Eltern zu empfehlen, einschlägige Experten (Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie) zu konsultieren. Um Experten im Hilfesystem zu finden ist der Kontakt zur Schulpsychologie hilfreich. Die Experten dort kennen sich mit den lokalen bzw. regionalen Gegebenheiten aus und können Empfehlungen aussprechen, ob  und welche medizinischen und/oder therapeutischen Einrichtungen, wie z.B. Beratungsstellen, sozialpädiatrische Zentren, Therapeuten oder Ärzte ihre Hilfen anbieten.

    Welche Schritte machen individuelle Förderung erfolgreich?

    Individuelle Förderung außerhalb des regulären Unterrichts ist erforderlich, wenn ein Kind beim Erwerb der Schriftsprache massive Schwierigkeiten hat.

    Idealerweise werden in der individuellen Förderung vier Schritte durchlaufen:

    (1) Beobachtung und Diagnostik

    (2) Förderplanung

    (3) Durchführung

    (4) Evaluation

    Wenn besondere Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben festgestellt werden, ist individuelle Förderung obligatorisch. Ein individueller Förderplan ist die Grundlage dafür.

    Die Wiederholung der didaktischen Schritte aus dem Klassenunterricht reicht bei besonderen Lernschwierigkeiten nicht aus. Hier besteht die ernsthafte Gefahr, dass es zu Überforderung und Frust kommt. Mit Hilfe weiterführender Diagnostik ist zu klären, ob eine Anpassung des Förderplans und/oder zusätzlich eine individuelle Lerntherapie indiziert ist.

    Wichtig ist, dass durchgehend evaluiert wird, ob die individuelle Förderung zu einer Verbesserung der Lese-und/oder Rechtsschreibleistungen führt. Für diesen Zweck ist eine Lernverlaufsdiagnostik besonders gut geeignet.

    Bewährt haben sich auch systematische Lernbeobachtungen, bei denen beispielsweise in standardisierter Form das Lese- und Schreibverhalten der Kinder dokumentiert wird. Die Ergebnisse der Lernbeobachtungen sowie der Lernverlaufsdiagnostik sollten genutzt werden, um zu beurteilen, ob der Förderplan angemessen ist oder angepasst werden muss.

    Welche Fördermaßnahmen sind besonders erfolgsversprechend?

    Die Einhaltung der folgenden Prinzipien hat sich als positiv für die Wirksamkeit individueller Förderung in der Schule erwiesen:

    • Kindern mit besonderen Lernschwierigkeiten im Lesen und/oder Rechtschreiben profitieren von einer symptomspezifischen direkten Förderung der Lese- und/oder Rechtschreibfertigkeiten
    • Eine individuelle Förderung ist am effektivsten, wenn sie
    • bei den grundlegenden Schwierigkeiten des Kindes im Lesen oder Rechtschreiben ansetzt
    • kleinschrittig ist
    • auf einen Förderschwerpunkt fokussiert
    • Kinder profitieren von direktem und positivem Feedback, weil das der Motivation und dem Selbstwert des Kindes zugutekommt.
    • Wahrnehmungs- und Funktionstrainings sowie Aufmerksamkeitstraining führen nachweislich nicht dazu, dass Lese- und/oder Rechtschreibschwierigkeiten überwunden werden.

     Beim Lesen:

    • Wenn ein Kind anhaltende Schwierigkeiten beim Leseerwerb hat, sollten gezielte Übungen zur Verinnerlichung von Buchstabe-Laut-Zuordnungen durchgeführt werden.
    • Wenn ein Kind Schwierigkeiten beim lautierenden Lesen hat, dann ist ein Training der phonologischen Bewusstheit für viele Kinder in der ersten Klasse zu empfehlen.
    • Wenn ein Kind Wortgrenzen und Wortteile nicht erkennt, ist es empfehlenswert, anhand einfacher Unterrichtsmaterialien die silbische Durchgliederung von Wörtern zu üben.
    • Wenn ein Kind sehr langsam liest, kann ein erster Schritt in der individuellen Förderung sein, das laute Lesen intensiv (zehn Minuten pro Tag) in ruhiger Umgebung und entspannter Atmosphäre zu üben.

     Beim Rechtschreiben:

    • Übungen zur Zuordnung von Lauten und Buchstaben sind auch bei Rechtschreibschwierigkeiten indiziert, wenn das Kind grundsätzlich die Laute und Buchstaben identifizieren und differenzieren kann.
    • Sind diese Fertigkeiten nicht vorhanden, bietet sich eine systematische Förderung der phonologischen Bewusstheit an.
    • Als wirksam haben sich auch Übungen zum Identifizieren von Wortbestandteilen (z.B. das Stammmorphem: ge-spiel-t) erwiesen.
    • Bei anderen Kindern mit Rechtschreibschwierigkeiten hat sich das gezielte Vermitteln orthographischen Wissens (Regelwissen, Häufigkeiten über Buchstabenkombination und -positionen) bewährt.

    Bei der Förderplanung sind bundeslandspezifische schulische Verordnungen zu berücksichtigen.

    Die Eltern des betroffenen Kindes sollten über die Förderplanung informiert sein und in die Förderbegleitung einbezogen werden.

    Falls ein Kind, zusätzlich zu der innerschulischen individuellen Förderung, auch außerschulische Unterstützung bekommt (z.B. Lerntherapie), sollte es zu einer Abstimmung der Fördermaßnahmen mit dem/der Lerntherapeut/in kommen.

      Welche weiteren Hilfsmöglichkeiten kann ich nutzen?

      Förder- und Hilfsmaßnahmen, die innerhalb und außerhalb der Schule zur Verfügung stehen, um ein Kind mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben zu fördern

      In jedem Bundesland gibt es Erlasse zum Umgang mit Schülerinnen und Schülern mit besonderen Schwierigkeiten im Lesen und Schreiben. In darauf aufbauenden Handreichungen finden sich oftmals sehr konkrete Förderhinweise. Obwohl die Diagnostik und Förderung in der Verantwortung der Schulen liegt, wird auch auf außerschulische Hilfsmöglichkeiten hingewiesen.

       

      Schulische Maßnahmen:

      • Förderbezogene Diagnostik: Die Förderung baut auf einer Lernstands- und Lernverlaufsdiagnostik auf. Die Ergebnisse werden in einem Förderplan festgehalten, wie auch die Lernziele und die Lehr- und Fördermethoden, mit denen die Ziele erreicht werden sollen. Die in vielen Bundeländern vorhandenen Beratungs- und Förderzentren und der schulpsychologische Dienst können in Einzelfällen beratend zur Seite stehen. 
      • Binnendifferenzierende Maßnahmen: Eine individualisierte Förderung wird umgesetzt, indem das Unterrichtsmaterial an einen spezifischen Förderplan für das betroffene Kind angepasst wird. Dabei wird also an die vorhandenen Kompetenzen des Kindes angeknüpft und versucht, Kompetenzlücken schrittweise zu schließen. Der gewählte Schweregrad von Anforderungen sollte dabei vom Kind ohne Probleme zu bewältigen sein, um Erfolgserlebnisse zu ermöglichen. Maßnahmen dieser Art sind bei Vorliegen einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung allerdings allein nicht ausreichend. 
      • Förderkurse: Förderung in Kleingruppen von maximal fünf Kindern (mit möglichst vergleichbaren besonderen Schwierigkeiten) wird klassen- und gelegentlich jahrgangsübergreifend umgesetzt und kann parallel oder auch zusätzlich zum Regelunterricht stattfinden. Anders als im Regelunterricht werden in den Kursen individuelle Wissens- und Fertigkeitslücken aufgearbeitet.
      • Nachteilsausgleich: Hierunter fallen methodisch-didaktische Hilfe, technische Hilfsmittel und besondere Bedingungen der Leistungserbringung, um einen bestehenden Lern- und Leistungsnachteil zu kompensieren. Der Einsatz des Nachteilsausgleichs bedarf in der Regel die Zustimmung der Klassenkonferenz und Schulleitung.
        • Beispiele für Methodisch-didaktische Hilfen:
          • deutlich artikuliertes Vor- und Nachsprechen, langsameres Diktiertempo
          • Fragestellungen schriftlich vorlegen statt sie zu diktieren oder von Tafel abschreiben zu lassen
          • mehr Bearbeitungszeit oder weniger Aufgaben eines Aufgabentyps
          • individuelle Pausenregelung
          • mündliche Zeitorientierungen (regelmäßige Ansage der noch zur Verfügung stehenden Bearbeitungszeit)
      • Beispiele für technische Hilfsmittel:
        • Verwenden eines Leselineals
        • Nutzen eines Computers
        • Audio-visuelle Hilfen (digitale Texte, die vorgelesen werden können)
      • Beispiele für eine veränderte Leistungserbringung:
        • Schreiben in Einzel- oder Kleingruppensituation
        • Vorlesen der Testaufgaben
        • schriftliche Leistungsfeststellungen durch mündliche oder praktische Aufgabenstellungen ersetzen oder ergänzen (wenn die Rechtschreibung nicht selbst Gegenstand der Bewertung ist)
        • mehr Bearbeitungszeit
        • Nutzen der vielfältigen Bewertungsmöglichkeiten (Referat, Plakaterstellung, Mappe usw.)
        • Unlesbare Aufzeichnungen erläutern lassen, damit der Inhalt bewertet werden kann.
      • Notenschutz“: Das zeitweise Abweichen von den allgemein gültigen Leistungsstandards dient dazu, die Lernmotivation und das Selbstkonzept des Kindes zu wahren und den Leistungsdruck zu verringern. Der Einsatz ist zeitlich begrenzt und bedarf der Zustimmung der Klassenkonferenz und Schulleitung. Oftmals gelten genaue Regelungen dafür, ab welchem Schweregrad und ab welcher Dauer des Leistungsversagens von den allgemeinen Bewertungsrichtlinien abgewichen werden darf. In manchen Bundesländern muss dafür die Diagnose einer umschriebenen Lese-Rechtschreibstörung vorliegen.
        • Beispiele
          • Befreiung von der Benotung bei bestimmten Formen der Leistungsbewertung und Erteilen einer verbalen, die Anstrengung und den Leistungsfortschritt widerspiegelnden Einschätzung
          • Kompensation bestimmter Formen der Leistungsbewertung durch andere Formen der Bewertung
          • Stärkere Gewichtung mündlicher Leistungen
          • Leistungsbewertung in den betroffenen Bereichen befristet modifizieren, z. B. inhaltlich reduzieren oder aussetzen
          • Verzicht auf die Bewertung von Lese-Rechtschreibleistungen in allen betroffenen Fächern (auch Fremdsprachen)
      • Elternarbeit und häusliches Lernen: Regelmäßige Elterngespräche über die Lernentwicklung und Lernschwierigkeiten, über die im Unterricht angewendeten didaktischen Methoden und über Möglichkeiten des häuslichen Übens.

       Außerschulische Maßnahmen:

      • Diagnostik von Lernstörungen: Niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychiater*innen und –psychotherapeu*innen sowie einige Beratungsstellen bieten diagnostische Untersuchungen zur Überprüfung des Vorliegens einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung an, die sich an dem Klassifikationssystem (ICD-10) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) orientiert und somit rechtlich anerkannt ist.
      • Lerntherapie: Speziell ausgebildete Lerntherapeuten können in einer Einzelförderung intensiv auf die Förderung der mathematischen Kompetenzen eingehen. Die Kosten müssen die Eltern jedoch selber tragen. Eine Kostenübernahme durch das Jugendamt kann gewährt werden, wenn durch die Lernschwierigkeiten die seelische Gesundheit bedroht und die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist (Eingliederungshilfe nach SGB VIII §35a). Die Handhabung dieses Rechtsanspruches ist äußerst unterschiedlich. Er besteht jedoch grundsätzlich, wenn eine anhaltende Lese-Rechtschreibstörung nach ICD-10 diagnostiziert wurde. Beim örtlichen Jugendamt können die lokalen Umsetzungsschritte für das Geltenmachen dieses Rechtsanspruchs erfragt werden.