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LONDI-Podcast Folge 3: Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne zum Thema Lernstörungen

Aktualisiert: 23. Apr.



Professor sitzt im Sessel und wird von einem Mann interviewt

Dieses Interview wurde ursprünglich als Podcast aufgezeichnet und Sie können es hier anhören.


Hallo und willkommen zum LONDI-Podcast. In diesem Podcast und auf unserer Online-Plattform londi.de dreht sich alles um das Thema Lernstörung. Es geht also um die Lese- und oder Rechtschreibstörung, auch Legasthenie oder LRS genannt und die Rechenstörung, auch als Dyskalkulie bezeichnet. Heute möchten wir mit Vorurteilen gegenüber Lernstörungen aufräumen, vielleicht ein paar Tipps geben, was erste Anzeichen für eine Lernstörung sein können und informieren, wie sich Eltern von Betroffenen Unterstützung holen können. Dazu haben wir einen Experten zum Thema eingeladen, Herrn Professor Dr. Schulte-Körne. Er ist Direktor der Klinik für Kinder und Jugendpsychiatrie des LMU Klinikums München und hat den Lehrstuhl für Kinder und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie. Er forscht mit seinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen schon seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Lernstörungen.

 

Interview mit Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne zum Thema Lernstörungen

 

Interviewer: Lieber Herr Professor Schulte-Körne, vielen Dank, dass Sie heute bei uns sein können, um uns etwas über Legasthenie und Dyskalkulie zu erzählen. Vielleicht fangen wir mal mit ein paar Mythen oder Klischees an, z. B. denken einige, dass die Eltern von Kindern mit einer Legasthenie oder Dyskalkulie einfach zu wenig Zeit in die Förderung ihres Kindes investiert haben. Können Sie vielleicht mit dem Klischee aufräumen?

 

Professor: Ja, sehr gerne räume ich mit dem Klischee auf, denn es ist tatsächlich so, dass bei diesen schulischen Entwicklungsstörungen die Eltern eine große Rolle haben, wenn es um die Unterstützung geht. Aber man kann nicht sagen, dass eine der Ursachen darin liegt, dass die Eltern zu wenig Zeit haben oder ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen würden. Im Gegenteil, gerade Eltern sind sehr besorgt um das Wohl ihrer Kinder und auch ihre Lernentwicklung. Nicht selten sind sogar Eltern die Ersten, die feststellen, dass bei ihrem Kind eine Legasthenie oder Dyskalkulie vorliegt.

 

Die Ursachen einer Lernstörung

 

Interviewer: Was sind dann also die Ursachen von Legasthenie oder auch Dyskalkulie?

 

Professor:  Beide gehören ja zu den schulischen Entwicklungsstörungen und man könnte jetzt vielleicht annehmen, wenn es Entwicklungsstörung heißt, das ist eine Problematik, die über eine gewisse Phase der kindlichen Entwicklung auftritt, aber das stimmt nicht. Die Lese- und Rechtschreibstörung, wie man auch sagt, oder die Rechenstörung, die existieren über die gesamte Altersspanne, also auch im Erwachsenenalter und die Ursachen sind tatsächlich unterschiedlich für die Lese- und für die Rechtschreibstörung im Vergleich zu der Rechenstörung. Bei der Lese- und Rechtschreibstörung spielen genetische Faktoren eine Rolle, aber viele Faktoren sind auch in der Hirnentwicklung zu sehen, z. B. ist die Verbindung von der Lautwahrnehmung zu der visuellen Wahrnehmung häufig gestört. Das merkt man daran, dass es den Kindern schwerfällt, einzelne Buchstaben mit den Lauten zu verbinden. Und umgekehrt ist es auch ein Problem, dass die Kinder das gehörte Wort, also, wenn jemand ein Wort ausspricht und dann das verschriftlicht, dass diese Verbindung im Gehirn gestört ist. Aber nicht nur das ist manchmal ein Problem in der Gehirnentwicklung, sondern auch das Abspeichern von Wortteilen oder Wortbildern. Wir gehen davon aus, dass die Kinder in der Entwicklung über das Lesen und sich Erarbeiten von Wörtern sich ein sogenanntes Wortgedächtnis aneignen. Das bedeutet, wenn ein Kind dann über solche Gedächtniskapazitäten verfügt, dass wenn ein neues Wort auftritt, es schnell abrufen kann. Dieser Leseprozess kennzeichnet insbesondere die Kinder, die sehr schnell automatisiert lesen können. Hingegen ist es bei den Kindern mit einer Lesestörung anders. Sie können auf dieses Wortgedächtnis schlechter zugreifen, es dauert deutlich länger und häufig gelingt es auch nicht, das vollständige Wort zu generieren. Das führt dazu, dass nur einzelne Wortteile gelesen werden können und dass vor allen Dingen der Leseprozess insgesamt verlangsamt ist. Bei der Rechenstörung handelt es sich um andere Probleme. Hier geht es darum, dass die Kinder häufig, vielleicht auch bedingt durch biologische Faktoren, nicht in der Lage sind oder schlecht in der Lage sind, sich Mengen vorzustellen oder auch sich vorzustellen, wie sich die Zahlen in dem sogenannten Zahlenraum darstellen. Dies führt dazu, dass einfache Rechenoperationen nicht gelingen, weil den Kindern die Vorstellung z. B. darüber fehlt, was groß und was klein ist, was viel und was wenig ist. Insbesondere dann, wenn es darum geht, einzelne Rechenschritte zu erlernen, nämlich z. B. bei der Division herauszufinden, welche Bedeutung die einzelnen Zahlen haben und wie sie sich zueinander verhalten, sieht man in der Hirnforschung tatsächlich in einzelnen Arealen Minderaktivierung. Wir gehen also davon aus, dass auch bei der Rechenstörung, wie bei der Lese-Rechtschreibstörung Hirnfunktionen verändert sind. Die Ursache dafür könnte an genetischen Faktoren liegen, könnte aber auch in der Wechselwirkung von genetischen und Umweltfaktoren liegen.

 

Die ersten Anzeichen einer Lernstörung bei Kindern und Jugendlichen

 

I: Vielen Dank dafür. Was könnten vielleicht die ersten Anzeichen einer Lernstörung bei Kindern und Jugendlichen sein?

 

P:  Die Lernstörung sieht man meistens schon im Vorschulalter, wenn sie ausgeprägt ist, d. h. bereits bei der Lesestörung sehen wir, dass Kinder sich schlecht orientieren können, wenn sie Silben unterscheiden sollen oder gar wenn sie einzelne Laute erkennen sollen. Diese sind sogenannte frühe Hinweise, die natürlich noch nicht in der Lage sind, eine Lesestörung vorherzusagen, aber wir beobachten dann bei diesen Kindern in der weiteren Entwicklung und wenn sie Laute und Buchstaben miteinander verbinden, dass das sehr schlecht gelingt. Bei der Rechenstörung gibt es auch Vorläuferfertigkeiten, d. h. die Kinder haben Schwierigkeiten beim Abzählen oder eben auch Reihenfolgen zu erkennen. Auch hier sind es Vorläuferfertigkeiten, die uns noch nicht hundertprozentig sagen können, wenn das Kind das nicht kann, entsteht eine Rechenstörung, aber es sind gewisse Hinweise. Kommen die Kinder dann in die Schule und werden dann im Unterricht mit den verschiedenen Herausforderungen des Schriftspracherwerbs oder des Rechnens konfrontiert, sieht man, dass dieser Entwicklungsprozess erheblich verlangsamt ist, d. h. die Kinder brauchen mehr Zeit, machen häufiger Fehler und zeigen relativ schnell schon eine gewisse Frustration bei diesen Lernprozessen im Gegensatz zu der anderen Lernentwicklung in den übrigen Fächern.

 

Die Diagnostik einer Lernstörung

 

I: Dann stellt sich natürlich die Frage, wenn man eine Lernstörung vermutet, wie kann man das dann diagnostizieren und wann ist das frühestens möglich?

 

P: Die Diagnostik, um eine Störung festzustellen, ist meistens erst nach einem bzw. anderthalb Schuljahren sinnvoll möglich. Allerdings ist es wichtig, bereits früh genau hinzuschauen und wenn man jetzt von einer schulischen Diagnostik spricht, dann sind bereits die ersten Hinweise auf eine verzögerte Lernentwicklung zielführend. Das heißt, wenn ein Kind in seinem Lernprozess sehr verlangsamt ist und es gibt keine anderen Gründe dafür wie z. B. fehlende Unterrichtung oder auch Beeinträchtigungen z. B. durch erhebliche psychische Probleme oder Belastung in der Familie. Wenn das alles nicht zutrifft und das Kind trotz dessen, dass es intensive Förderung bekommt und diese Lernschritte nicht vollzieht, dann ist das der erste wichtige Hinweis. Aufbauend auf diesen Hinweisen, sollte dann eine Diagnostik, meistens eine fachärztliche bzw. psychologische Untersuchung folgen, die verschiedene Bereiche beinhaltet. Hierzu gehören einerseits die Überprüfung der Leseentwicklung, der Rechtschreibentwicklung oder der Rechenentwicklung mit entsprechenden standardisierten Testverfahren. Aber ebenso gehört auch dazu, die kognitiven Fähigkeiten des Kindes genau zu überprüfen, um auszuschließen, dass eine allgemeine Lernbehinderung vorliegt. Außerdem sollten auch immer die visuellen und auditiven Wahrnehmungsfunktionen genau angeschaut werden, um auszuschließen, dass vielleicht in diesem Bereich Probleme vorliegen, die auch hochrelevant sind für die Entwicklung im Lesen und Schreiben. Werden diese diagnostischen Verfahren entsprechend durchgeführt, kommt man zu ersten Hinweisen, ob eine unterdurchschnittliche Leistung im Lesen, im Rechtschreiben oder Rechnen vorliegt. Liegt diese über einen längeren Zeitraum vor und ist nicht erklärbar durch fehlende Beschulung, dann ist das ein sicherer Hinweis, dass hier eine schulische Entwicklungsstörung vorliegt.

 

Was tun bei Verdacht auf eine Lernstörung bei Ihrem Kind ?

 

I: An wen können sich denn die Eltern wenden, wenn sie eine Lernstörung bei Ihrem Kind vermuten?

 

P: Die Eltern sollten natürlich zuerst erstmal den Kontakt zur Schule suchen, denn der Entwicklungsprozess findet in der Schule statt. Meistens sind die zuständigen Lehrkräfte auch selbst schon mit dem Thema konfrontiert bei der Schülerin oder dem Schüler und stellen fest, hier ist etwas, was von der normalen Entwicklung abweicht. Die weitere Diagnostik findet dann entweder durch den schulpsychologischen Dienst statt oder, was nicht selten in der Praxis auch notwendig ist, auch durch eine entsprechende fachärztliche Untersuchung. Diese wird dann meistens in Kinder- und Jugendpsychiatrischen Praxen oder sozialpädiatrischen oder sozialpsychiatrischen Schwerpunktpraxen angeboten. Wichtig dabei ist, dass es eine vollumfängliche Diagnostik ist, die nicht nur einen einzelnen Test durchführt, sondern das Kind in seiner gesamten Entwicklung genau anschaut und dazu gehört auch die emotionale Entwicklung, denn bei vielen Kindern mit schulischer Entwicklungsstörung wissen wir, dass sie aufgrund ihrer häufig negativen Lernerfahrung emotionale Probleme wie Angst vor der Schule, Angst vor einzelnen Aufgaben, auch zum Teil Angst vor der Klasse bekommen, weil sie nicht selten erlebt werden, dass sie wegen ihrer Lernprobleme gehänselt werden oder auch bloßgestellt wurden.

 

Der Unterschied zwischen Lernstörung und Lernschwierigkeit

 

I: Neben der Lernstörung gibt es ja auch den Begriff von den Lernschwierigkeiten. Was ist denn der Unterschied zwischen Lernstörung und Lernschwierigkeiten?

 

P: Die Lernschwierigkeiten weisen meistens auf einen vorübergehenden Prozess hin und grenzen sich davon ab, dass sie nicht eine spezifische Ursache haben, sondern meistens halt im Rahmen einer vielleicht schulischen Überforderungssituation, eines persönlichen Konfliktes entstehen, während die Lernstörungen, so sind unsere bisherigen Erkenntnisse zumindest, meistens neurobiologische oder genetische Ursachen haben, die häufig auch nicht so einfach zu behandeln sind. Das bedeutet halt, wir reden, wenn wir von einer Lese- und Rechtschreibstörung oder Rechenstörung sprechen, von einer tatsächlich in den internationalen Klassifikationsschemata genannten psychischen Erkrankung. Und deshalb werden auch die entsprechenden Diagnostikleistungen von den Krankenkassen als ärztliche Leistung übernommen.

 

I:  Wie lange kann denn so eine Lernstörung anhalten?

 

P: Die Lernstörungen sind häufig tatsächlich eine Beeinträchtigung des gesamten Lebens. Wir haben zwar sehr gute Erfolge mit den einzelnen therapeutischen Ansätzen, doch ein wesentlicher Teil, auch in der Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, die betroffen sind, ist das Konzept des sogenannten „Akzeptierens“ der eigenen Erkrankung, d. h. es geht darum, im Rahmen einer Beratung zu erlernen, wie gehe ich mit meiner Lernstörung um. Und zwar sowohl in der Schule als auch nach der Schule in der Berufsausbildung, im Studium oder später auch im Beruf, denn viele Betroffene haben auch als Erwachsene gerade, wenn eine ausgeprägte Lesestörung vorliegt, Schwierigkeiten im schnellen Lesen. Sie verlesen sich häufig, sie verlesen sich vor allen Dingen dann, wenn es eine Stresssituation ist, z. B. wenn sie unter Druck etwas schnell erfassen sollen, dann wird es besonders schwierig. Das kann in manchen Lebenssituationen sehr relevant sein und zur Fehleinschätzung führen, weshalb es wichtig ist auch zu wissen: Lese-Rechtschreibstörungen sind nicht nur eine Störung des Kindes- und Jugendalters, sondern auch des Erwachsenenalters.

 

Lernstörungen und begleitende Erkrankungen

 

I: Können die Lernstörungen auch gemeinsam mit anderen Problemen auftreten?

 

P: Lernstörungen treten sogar sehr häufig gemeinsam mit psychischen Belastungen oder Erkrankungen auf. Hierzu zählen tatsächlich Ängste oder die Angststörung, die Depression, aber auch Verhaltensweisen wie Hyperaktivität, Aufmerksamkeitsstörung und Impulsivität. Und im Jugendalter sehen wir es nicht selten, dass junge Menschen mit einer ausgeprägten Lese-Rechtschreibstörung auch Störungen in ihrem Sozialverhalten haben, zum Teil auch mit dem Gesetz in Konflikt geraten und zum Teil auch tatsächlich erheblich in der Schule belastet sind. Deshalb ist es immer wichtig genau hinzuschauen, es gibt nämlich auch die nicht seltene Kombination zwischen einer Lese- und Rechtschreibstörung und einer Rechenstörung. Hat man früher halt gesagt, die Kinder, die Leseprobleme haben, sind immer gut im Rechnen, müssen wir heute feststellen, dass das mit Nichten der Fall ist. Wir kennen eine sogenannte kombinierte Lernstörung, wo die Kinder tatsächlich in diesen drei Lernbereichen massiv betroffen sind.

 

I: Wo wir gerade von der Schule geredet haben, gibt es denn gesetzliche Bestimmungen in der Schule für den Umgang mit den Kindern mit einer Lernstörung?

 

P: Der Umgang mit der Schule ist in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich geregelt, die Gesetzesvorgaben oder Verordnungen weichen tatsächlich häufig voneinander ab. Meistens ist es so geregelt, dass Kinder mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung in der Grundschule Entlastungen bekommen, und zwar gibt es da verschiedene Formen. Es gibt einerseits den Nachteilsausgleich und den Notenschutz. Bei der Rechenstörung ist es längst nicht so verbreitet. Es gibt es in einzelnen Bundesländern auch hier einen entsprechenden Nachteilsausgleich, aber in manchen Bundesländern gibt es den überhaupt nicht. Schaut man dann in die Gesetzgebung für die weiterführenden Schulen, wird es sehr, sehr dünn. In manchen Bundesländern gibt es Regelungen bis hin zum Schulabschluss einschließlich Abitur, in manchen Bundesländern laufen die Regelungen gerade bei der Lese- und Rechtschreibstörung noch ungefähr bis zur 10 Klasse. Bei der Rechenstörung findet man kaum noch Regelungen. Da ist tatsächlich ein großer Handlungsbedarf, ähnlich wie für die Lese-Rechtschreibstörung auch schulische Regelungen für die Kinder mit einer Rechenstörung zu schaffen.

 

Nachteilsausgleich und Notenschutz bei einer Lernstörung

 

I:  Sie hatten gerade schon Nachteilsausgleich und Notenschutz erwähnt. Was ist denn da genau der Unterschied und was wird genau auf dem Zeugnis vermerkt?

 

P:  Der Nachteilsausgleich, der dient primär dazu, ebenso eigentlich auch wie der Notenschutz, das Kind zu entlasten, aber es sind unterschiedliche rechtliche Voraussetzungen. Im Nachteilsausgleich werden die Lernbedingungen für das Kind verändert, sodass es durch den Nachteil, den es durch die Erkrankung hat, eine Kompensation bekommt. Nämlich indem, dass es z. B. einen Zeitzuschlag bekommt, bei Leistungserhebungen, bei Prüfungen, aber auch Entlastungen bekommt dadurch, dass z. B. die Prüfungsaufgaben auf entsprechenden großen Papier gedruckt sind, mit großen Buchstaben gedruckt sind, sodass die Aufgaben leichter zu lesen sind. Oder es werden die Aufgaben anstatt schriftlich mündlich angeboten. Es gibt weitere Möglichkeiten des Nachteilsausgleichs. Das ist z. B. die Benutzung eines Zeilenlineals oder auch die Möglichkeit, mit einer Diktierfunktion, einem Gerät zu arbeiten, wo die Kinder dann ihre Antworten diktieren und dann in Ruhe abhören und dann das, was sie entworfen haben, dann handschriftlich später in einem ruhigen Raum noch mal zu Papier zu bringen. Bei dem Notenschutz ist es anders, dort geht es tatsächlich um die Leistungsbewertung. Hier wird, wenn die Leistungen unterdurchschnittlich sind, die Zahl z. B. bei den Rechtschreibfehlern nicht gewertet, sondern nur der schriftliche Ausdruck. Dies bedeutet, dass z. B. beim Kind, was aufgrund einer guten schriftlichen Leistung, aber bei extrem viel Rechtschreibfehlern eine Note 6 erhalten würde, dann in der Benotung die Rechtschreibfehler nicht bewertet werden und das dann entsprechend eine Benotung für den schriftlichen Ausdruck bekommt. Notenschutz bei der Rechenstörung gibt es meines Wissens bisher noch in keinem Bundesland. Dort wird lediglich der Nachteilsausgleich vereinzelt eingeräumt, was aber auch in jedem Fall zu einer Entlastung führt.

 

I: Sie hatten gerade schon angesprochen, dass es auch unterschiedliche Voraussetzungen gibt für Nachteilsausgleich und Notenschutz. Was sind denn diese Voraussetzungen, die das Kind erfüllen muss?  Oder ist es ganz abhängig von der Schule?

 

P: Die Voraussetzungen werden von der Schule, meistens von der Klassenleiterin oder dem Klassenleiter geprüft bzw. von der Schulleitung. Und die Voraussetzungen sind, dass eben eine entsprechend festgestellte schulische Lernstörung vorliegt. Denn der Nachteilsausgleich sowie auch der Notenschutz darf nur dann gewährt werden, wenn eine tatsächlich meistens ärztlich festgestellte Störung vorliegt. Liegt die vor, dann haben auch die Eltern den Anspruch auf die Gewährung des Nachteilsausgleichs bzw. Notenschutzes. Denn manchmal wird er trotz des Vorliegens des Anspruchs der Eltern nicht gewährt, sodass es mal dazu führen kann, dass Eltern sich auch entsprechend drum kümmern müssen, dass die Rechte des Kindes auch tatsächlich gewährt werden.

 

I: Welche Untersuchung benötige ich denn, um diese Voraussetzung für mein Kind feststellen zu lassen?

 

P: Das ist meistens sehr unterschiedlich. Das regeln wiederum die Bundesländer bzw. wird in den einzelnen Schulen dann umgesetzt. Die Voraussetzungen sind in der Sprache der Schule „die besonderen Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben oder Rechnen”. Dort wird der Begriff der Lernstörung meist nicht verwandt, aber das Konzept, was damit gemeint ist, sind tatsächlich besondere Schwierigkeiten entsprechend einer Lese- und Rechtschreibstörung. Deshalb wird der Nachteilsausgleich meist erst dann gewährt, wenn durch eine Diagnostik festgestellt ist, dass die Leistungen im Lesen, Schreiben bzw. Rechnen unterdurchschnittlich sind. Dies kann eben nur erfolgen, wenn entsprechende standardisierte Testverfahren durchgeführt wurden.

 

Welche Schulform ist für Kinder mit einer Lernstörung besonders geeignet?

 

I: Gibt es denn Schulen oder Schulformen, die besonders geeignet sind, um ein Kind mit Lernstörung zu fördern?

 

P: Wir gehen davon aus, dass Kinder mit einer Lernstörung hinsichtlich ihrer geistigen Fähigkeiten genauso begabt sind, wie alle anderen Kinder. Von daher heißt es nicht, wenn ein Kind eine Lernstörung hat, dass eine spezielle Schulform geeignet oder nicht geeignet ist, sondern sie sind für die Schulform geeignet, für die sie sich dann entsprechend qualifizieren können. Allerdings muss man festhalten, dass aufgrund häufig fehlender Unterstützung Kinder mit einer Rechenstörung es sehr schwer in unserem Bildungswesen haben. Vor allen Dingen dann, wenn Mathematikleistungen tatsächlich die Hürde sind, um eine entsprechende Schulform zu besuchen bzw. die weiter zu besuchen. Deshalb ist es nicht selten so, dass in dem Bereich der Förderschulen sich Kinder befinden, die trotz guter Begabung aufgrund einer ausgeprägten, meistens kombinierten Lernstörung dort beschult werden. Das ist aus meiner Sicht häufig ein Kompromiss, weil in den Schulen nicht selten noch eine entsprechende spezifische Förderung fehlt. Aber man kann halt nicht sagen, Kinder mit Lernstörung sind primär die Kinder, die in die Mittelschule oder in die Realschule gehören, sondern wir gehen davon aus, dass viele Kinder auch das Gymnasium besuchen können und sollten, allerdings müssten dort die entsprechenden Hilfen und Unterstützung implementiert werden.

 

I: Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es denn im Moment an den Schulen für die Kinder?

 

P: Man muss sagen, dass die Hilfsmöglichkeiten an den Schulen sehr, sehr unterschiedlich sind, auch da regeln die Bundesländer das sehr unterschiedlich. Es ist nicht selten eine Frage der Kapazitäten und die Frage der Ausbildung der Lehrkräfte. Die Kapazitätsfrage zeigt sich meistens schon in der Grundschule, dass der entsprechende Förderunterricht, der angeboten werden soll, nicht spezifisch realisiert wird, sondern dass die Kinder mit einem spezifischen Förderbedarf alle zusammengefügt werden und dann von einer Person unterrichtet werden, die nicht für alle Bereiche speziell ausgebildet ist. Um das ein bisschen plastischer zu machen: das bedeutet, dass das Kind mit dem Migrationshintergrund und aufgrund dessen mit Sprachproblemen zusammen mit einem Kind mit einer Hyperaktivitätsstörung sitzt und einem Kind mit einer Rechenstörung und einer Lesestörung. Das führt dann meistens zu einem Kompromiss im Förderunterricht, aber die spezifischen Hilfen, die die einzelnen Kinder jeweils bedürfen, können nicht angesprochen werden, und insgesamt ist die Wirksamkeit von so einem Förderunterricht natürlich gering. Wir wünschen uns tatsächlich, dass es für die Kinder mit den Lernstörungen Lehrkräfte gibt, die auch in der Förderung dieser Kinder entsprechend ausgebildet sind und die diese Förderung in Gruppen nicht nur im Primarbereich, auch im sekundären Bereich, also in der weiterführenden Schule anbieten würden.

 

Wie können Sie Ihr Kind mit Lernstörung zu Hause unterstützen?

 

I: Wo wir gerade von Fördermöglichkeiten gesprochen haben. Was können die Eltern denn vielleicht zu Hause tun, um ihre Kinder mit Lernstörung zu unterstützen?

 

P: Das wichtigste, was Eltern tun können, nachdem sie erfahren haben, dass das Kind eine Lernstörung hat, ist, ihm den Rücken zu stärken und den Druck herauszunehmen. Denn oft erleben Eltern, das, ich sage jetzt mal, Scheitern des Kindes in der Schule oder die erheblichen Probleme in der Schule auch als ihr eigenes Scheitern. Nämlich, dass sie halt sagen, wir haben es nicht geschafft, dass unser Kind so weit kommt in der Schule, wir haben das Gefühl, wir haben es nicht ausreichend unterstützt. Letztendlich über diese Schuldzuschreibung gelingt es dann nicht, eine entspannte Atmosphäre zu Hause zu schaffen, sondern sie ist immer wieder überdeckt von Angst, jetzt kriegt das Kind wieder einen Test zurück oder eine Klassenarbeit und der Druck in der Familie ist meistens extrem hoch. Vor allen Dingen auch deshalb, weil Eltern halt merken, dass die Kinder mit den unerkannten Lernstörungen oder wenig unterstützenden Bedingungen, dass diese Kinder dann auch morgens ungern in die Schule gehen und häufig dann auch Bauch- oder Kopfschmerzen vor der Schule bekommen als psychische Reaktion darauf, dass sie vorwegnehmen, dass es wieder ein schrecklicher oder anstrengender Tag in der Schule werden kann. Deshalb ist es wichtig, als Eltern sehr aufmerksam zu sein und auch die Zuwendung nicht abhängig von Leistung zu machen, sondern dem Kind zu signalisieren, wir stehen immer hinter dir und wir verstehen, dass du die Lernstörung hast, aber wir wissen auch, wir können was gemeinsam dagegen tun und wir können auch gemeinsam eine Lösung für dich finden. Das ist das wichtige, dass die Kinder merken, dass sie einen permanenten und sicheren Rückhalt zu Hause bekommen. Und wenn er auch vielleicht nicht spezifisch ist, dass die Eltern das Kind vielleicht nicht spezifisch fördern können, so können sie doch emotionale Wärme ausdrücken und das ist, glaube ich, das Wichtigste, was die Kinder nach manchen Schultagen benötigen.

 

Was tun, wenn es zu Konflikten mit Ihrem Kind zu Hause kommt?

 

I: Wenn es denn jetzt zu Konflikten zu Hause kommt, vielleicht eben wegen der schlechten Noten oder auch bei Hausaufgaben, was wahrscheinlich häufig ein Streitthema ist, was könnten Sie denn den Eltern vielleicht raten?

 

P: Solche Konflikte entstehen meistens nicht einmalig, sondern sind Konflikte, die sich häufig über einen längeren Zeitraum entwickeln. Die Eltern schildern dann, wenn man nachfragt, was ist zu Hause eigentlich schwierig, dass sie jedes Mal bei den Hausaufgaben verzweifeln und genauer nachgefragt wird dann deutlich, sie deshalb verzweifeln, weil sie eine gewisse Vorstellung haben, was das Kind eigentlich bei den Hausaufgaben leisten muss und was das Kind erzielen sollte. Allein daran schon zu arbeiten, was realistischere Erwartungen an die Lernentwicklung für ein Kind mit einer Lernstörung sind, ist das Wichtigste. Das heißt in der Beratung, und da sollten die Eltern eben nicht allein gelassen werden, sondern in der Beratung im therapeutischen Setting ist es wichtig, gemeinsam mit dem Kind, den Eltern und der Therapeutin oder dem Therapeuten die sogenannten Störungskonzepte zu entwickeln, um zu erklären, warum hat dieses Kind gerade diese Lernprobleme.  Wenn man so ein Konzept entwickelt, versteht man besser und kann man vor allem auch besser mit solchen Situationen umgehen. Man wird dann die Leistungsanforderungen anpassen und dem Kind vielleicht einzelne Hilfen geben, aber auch dafür sorgen, dass vielleicht der Umfang der Hausaufgaben, was man sehr gut mit der Schule auch regeln kann, geringer wird. Und dass eben die Bewertung der Hausaufgaben bei dem Kind eine andere ist, als die Hausaufgaben, die ein Kind ohne Lernstörung anfertigen muss. Außerdem könnten Eltern auch im Rahmen des Therapeutischen begleitend erlernen, wie sie z. B. mit Frustrationen des Kindes umgehen. Also wie gehe ich damit um, wenn mein Kind immer verzweifelt ist oder wie gehe ich damit um, wenn mein Kind von vornherein sagt, ich mache die Hausaufgaben nicht.  Dann ist es meistens nämlich nicht so sinnvoll, drauf zu beharren und dann zu sagen, jetzt machst du die aber, sondern dass man im Vorfeld klärt, was mache ich dann, wenn eine Hausaufgabe zu schwer ist. Dann muss ich eben das Anforderungsniveau der Hausaufgabe verändern. Das kann ich aber wieder nur im Dialog mit der Schule. Das ist eine komplexe Situation, für die man sicherlich nicht einfache Lösungen oder Tipps so sagen kann. Generell ist es glaube ich immer wichtig, sich sehr gut zu informieren, sich professionelle Hilfe zu suchen und nicht versuchen, alles alleine zu Hause zu lösen. Vor allem mitnichten das Kind mit Dingen zu fördern, wo man meint, das habe ich selbst so in der Schule gelernt, das wird schon gut sein. Das ist manchmal nicht unbedingt der richtige Weg.

 

Warum soll man zu einer Lerntherapie gehen?

 

I: Sie hatten gerade schon die professionelle Hilfe auch angesprochen, aber in den Köpfen von vielen ist die Therapie noch mit Stigmata verbunden, “nur wirklich kranke Leute gehen zu Therapie”. Was können Sie vielleicht Eltern als Argumente dafür geben, zu einer Therapie zu gehen?

 

P:  Es handelt sich ja dabei um die sogenannte Lerntherapie, wobei, das möchte ich gleich betonen, dass es kein geschützter Begriff ist. Aber ich kann Eltern nur motivieren zu versuchen, lerntherapeutische Hilfen für ihr Kind zu bekommen, wenn es sich um eine andauernde und schwere Lernstörung handelt. Denn dort passiert tatsächlich eine professionelle Hilfe, d. h. die Therapeutinnen und Therapeuten sind dafür ausgebildet und wissen, welche Übungen sie mit dem Kind durchführen müssen. Vor allen Dingen ist es wichtig, gerade nach so einer frustrierenden Lernerfahrung erstmal Motivation aufzubauen, denn ohne Motivation und einer optimistischeren Sicht auf die Lernentwicklung kann kein Kind wirkliche Lernerfolge erzielen. Deshalb ist es auch eben ganz gut, wenn man die therapeutische Situation aus der Familie herausnimmt und diese an einem extra Ort in einem extra Setting dann abbildet. Das heißt, dort ist jemand, der nicht in so einer engen Bindung wie die Eltern-das Kind ist.  Die Person kann meistens auch besser Grenzen setzen, kann auch häufig gleich die Strukturen vorgeben und kann aufgrund der Professionalität auch vor allen Dingen gezielte und angemessene Hilfen anbieten. Das Problem bei der Lerntherapie ist, dass die Kosten, die damit entstehen, nicht von den Krankenkassen übernommen werden. Das ist etwas, was wir sehr bedauern und was sich auch aus meiner Sicht dringend ändern müsste, dass nämlich diese therapeutische Leistung bei einer Erkrankung auch über das Gesundheitswesen abgedeckt sein sollte. Dies ist aber bisher nicht der Fall, d. h. die Kosten werden überwiegend von den Eltern getragen.

 

I: Sie hatten jetzt schon über die Kosten geredet, aber wie finde ich denn eine geeignete Lerntherapeutin oder einen geeigneten Lerntherapeuten für mich und mein Kind?

 

P: Die Suche nach Lerntherapie-Angeboten ist insofern möglich, dass man z. B. die Internetseite des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie e. V. benutzt. Dort sind die Therapeutinnen und Therapeuten gelistet, die eine zertifizierte Ausbildung gemacht haben, die wir generell empfehlen. Es gibt Angebote auch von weiteren Verbänden vom Fachverband integrative Lerntherapie, die ebenfalls ihre Therapeutinnen und Therapeuten auf der Webseite nennen, sowie zum Teil findet man sie auch bei den Jugendämtern, die Listen von Therapeutinnen und Therapeuten haben, oder man schaut im Internet. Der Punkt dabei ist allerdings, dass der Titel Lerntherapie nicht geschützt ist und man genau hinschauen muss, ob die Person, die diese Leistung anbietet, dafür qualifiziert ist, indem sie z. B. eine qualifizierte, zertifizierte Ausbildung durchlaufen haben wie die Ausbildung Dyslexie- oder Dyskalkulietherapeutin und Dyslexie- oder Dyskalkulietherapeut nach BVL.

 

I: Vielen, vielen Dank Herr Professor Schulte-Körne für Ihre interessanten Antworten und ich denke, wir konnten heute einiges dazu lernen, vielen Dank dafür!

 

P: Sehr gerne!

 


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