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LONDI-Podcast Folge 2: Das sagen die Eltern

Aktualisiert: 23. Apr.



zwei Mütter sitzen auf Stühlen und geben ein Interview

Dieses Interview wurde ursprünglich als Podcast aufgezeichnet und Sie können es hier anhören.


Hallo und willkommen zum LONDI-Podcast! In diesem Podcast und auf unserer Online-Plattform londi.de dreht sich alles um das Thema Lernstörung. Es geht also um die Lese- und oder Rechtschreibstörung, auch Legasthenie oder LRS genannt und die Rechenstörung, auch als Dyskalkulie bezeichnet. Heute haben wir zwei Mütter von Betroffenen zu uns eingeladen und möchten mit ihnen über ihre Erfahrung mit Lernstörungen reden.

 

LONDI interviewt die Mütter von Kindern mit Lernstörungen

 

Interviewer: Erstmal vielen Dank, dass Sie heute hier sein können und vielleicht fangen wir doch gleich mal an, dass Sie uns einfach ein bisschen Hintergrundinformationen über die Lernproblematik ihres Kindes geben.

 

Mutter 1: Ja, vielen Dank zunächst für die Einladung zu diesem Podcast. Bei uns ist die jüngere von zwei Töchtern betroffen. Sie ist heute 9 Jahre alt und wir hatten Ende 2019 – Anfang 2020 dann die entwicklungspsychologische Testung bei Ihnen in der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie und wir hatten tatsächlich im Vorfeld schon einige Gespräche in der Schule gehabt, die darauf hindeuteten, dass es eben um eine Rechtschreibschwäche geht und eine ausgeprägte Dyskalkulie. Das hat dann die Testung auch bestätigt. Wir waren da sehr früh dran bei unserer Tochter, die war damals gerade sieben Jahre alt gewesen. Wir haben dann etwas später auch noch mal einen kleineren Test wiederholt. Sie ist zu dem Zeitpunkt in die zweite Klasse einer Münchner Grundschule gegangen und hat dann nach der Diagnose relativ bald einen Wechsel auf eine Montessori-Schule unternommen. Dort ist sie jetzt als Kind mit einem Förderplatz integriert, hat die zweite Klasse noch einmal wiederholt und geht jetzt in die dritte Klasse.

 

Mutter 2: Ich sage auch danke für die Einladung. Bei mir geht es um den jüngeren Sohn, der jetzt 13 Jahre alt und in der Realschule ist. Wir haben das ganze schon in der Grundschule erkannt, eigentlich in der ersten Klasse, weil wir das Glück hatten, dass mein Sohn in einer Studie von der LMU mit dabei war von der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ich selber hatte aber auch schon das Gefühl, also mein Sohn hat Legasthenie, dass er die Buchstaben irgendwie anders betont, anders aufnimmt und sieht. Für ihn gab es dann auch keine “Feuerwehr”, sondern eine “Fe-u-erwehr”, also “eu” hat er ganz, ganz, ganz lange nicht erkannt. Genau, so schaut es bei uns aus. Jetzt ist es so, in der Grundschule war ganz, ganz heftig das Lesen. Das hat nicht funktioniert, das hatte er dann auch erst so zur vierten Klasse hin, dass er das Verständnis von dem Text dann hatte. Jetzt so langsam seit der sechsten Klasse merkt man, dass er in der Sprache in Englisch immer mehr Probleme hat und er ging in der Grundschule in die Regelgrundschule und geht jetzt auf eine Regel-Realschule hier in München.

 

Wann kam der erste Verdacht auf eine Lernstörung?

 

Interviewer: Dann vielleicht, wann ist Ihnen denn das erste Mal aufgefallen, dass Ihr Kind sich schwertut, entweder mit der Sprache oder auch mit den Zahlen?

 

Mutter 1: Das ist bei uns tatsächlich schon im Kindergartenalter der Fall gewesen. Da gab es Probleme mit der Aussprache und es ist auch eine auditive Wahrnehmungsstörung diagnostiziert worden. Es gab dann eine logopädische Behandlung, obwohl sie einen umfangreichen Wortschatz hatte, gab es einige Ausspracheprobleme, die behandelt werden mussten. Außerdem hat es im Kindergartenalltag schon einige Probleme gegeben. Gerade wenn es um Spiele ging, gerade Zählspiele waren eine Herausforderung für unsere Tochter. Wir waren dann auch im Gespräch mit Erzieherinnen und Erziehern darüber gewesen und mit dem Kinderarzt und weil es da auch einige motorische Probleme gab, gab es da noch eine Ergotherapie und da hat man sich dann auch dieses Themas angenommen, das Rechnen und Zählen auch schon mal so ein bisschen in der Vorgrundschulzeit zu adressieren.

 

Mutter 2: Bei uns war es, wie gesagt, in der ersten Klasse, dass es uns aufgefallen ist. Mein Sohn ist aber schon mit fünf in die Schule gekommen, weil er seinem Bruder so nachgeeifert hat, der 2 Jahre älter ist. Er ist immer mit in die Schule getapert und fand dann noch die Lehrerin toll und deswegen ist er dann so früh in die Schule gekommen und das war dem ganzen bestimmt auch nicht unbedingt zuträglich.

 

I: An welchen Punkt haben Sie denn für sich entschieden, “Okay jetzt, jetzt müssen wir was tun, jetzt müssen wir uns vielleicht Hilfe suchen”, wann war das bei Ihnen?

 

M1: Wir waren im Kindergarten, das ist praktisch so ein Prozess gewesen, dass wir uns Hilfe gesucht haben und auch viele Gespräche geführt haben. Bei uns war es tatsächlich so, dass wir als Eltern dann auch mit Blick auf die Einschulung doch ein bisschen nervöser wurden. Wie gesagt, es ist die jüngere von zwei Töchtern, die betroffen ist. Also wir kannten das Schulsystem schon ein bisschen über die ältere Tochter. Dann war es in der zweiten Klasse mit Blick vor allen Dingen auf den Beginn der Benotung, dass wir uns da immer unwohler gefühlt haben mit den Problemen, die es gab. Tatsächlich war im persönlichen Bereich dann auch ein Gespräch mit einer Freundin gewesen, die gerade mit ihrer Tochter, die ebenfalls im Grundschulalter war, zur Testung gegangen ist.  Da gab es auch Probleme im mathematischen Bereich, eine Dyskalkulie ist festgestellt worden und das war sicherlich dann der entscheidende Anstoß auch zu sagen, “Okay, jetzt machen wir das auch und gehen auch zum Testen mit unserer Tochter”.

 

M2: Bei uns war es durch die Studie, in der wir drin waren, in der ersten Klasse. Da wurde natürlich schon festgestellt bei dem Einteilen in die verschiedenen Gruppen, dass unser Sohn einfach ein bisschen langsamer im Lesen lernen ist und es hat sich auch nicht während dieser Studie verbessert. Dadurch haben wir dann auch das Angebot bekommen, dass er in den Ferien, in den Sommerferien von der ersten auf die zweite Klasse wirklich getestet wird. Mein Mann und ich waren da auch sehr im Austausch und haben immer wieder darüber geredet und für uns war es ganz wichtig, das eben anzunehmen und es war auch wirklich gut so, also ich muss sagen, wir hatten da wahnsinniges Glück.

 

Wie haben sich die Eltern von Betroffenen Hilfe geholt?

 

I: Das haben sie schon so ein bisschen angedeutet, was haben Sie denn gemacht, um sich die Hilfe zu holen, wo haben sie sich die Hilfe geholt?

 

M1: Wir haben schon im Kindergarten mit der Erzieherin regelmäßig gesprochen, wir haben mit dem Kinderarzt Rücksprache gehalten, auch mit einem Neuropädiater Gespräche geführt darüber und wie das dann manchmal so ist, wenn man viele Personen auch miteinbezieht, bekommt man oft verschiedene Antworten. Unsere drängendste Frage war natürlich diejenige nach der Einschulung, nicht unbedingt das Alter. Unsere Tochter ist mit gut sechseinhalb Jahren in die Schule gekommen und die Frage, die uns vor allem beschäftigte, war dann auch zunehmend, welche Schulform die richtige ist. Sollen wir sie auf einer Regelschule einschulen, wie die Schwester auch in der Nachbarschaft in einer Grundschule, oder gibt es andere Möglichkeiten? Wir haben dann auch bei der Einschulungsuntersuchung gesprochen mit der entsprechenden Person und irgendwie kamen wir dann am Ende doch darauf, wir versuchen es erstmal auf der Regelschule in der Nachbarschaft wie die Schwester auch und schauen dann einfach mal, wie sich das dann entwickelt. Wir hatten tatsächlich schon auch im Kindergartenalter ein Vorgespräch für eine entwicklungspsychologische Testung, die nicht ganz so glücklich lief. Wir waren in einer Münchner Praxis gewesen und da war das Vorgespräch jetzt nicht so vertrauensstiftend, weil Suggestivfragen auch an unsere Tochter gestellt worden sind. Dieses Gespräch hatte allerdings tatsächlich den Vorteil, weil nochmal geguckt wurde, wie sieht es mit den Augen aus, wie ist es mit dem Hören und da fiel dann auf, dass sie eine Brille braucht. Das war noch eine Sache, die uns ein bisschen warten lassen hat. Jetzt gucken wir erstmal, welche Auswirkung es dann auch hat, dass sie eine Brille bekommen hat, wenige Monate vor der Einschulung. Und so hat es sich ein bisschen verzögert, dass wir da erst im Laufe des zweiten Schuljahres tätig geworden sind.

 

M2: Wir haben uns die Hilfe natürlich von den beiden Studienleiterinnen geholt. Dann war ich mit dem Kinderarzt im Kontakt und bin dann auch ganz schnell auf die Lehrerin zugegangen und habe mit der geredet, was sie schon für Informationen und Erfahrungen hatte. Die hat mir sehr geholfen und eben auch, dass es nicht nur meinen Sohn in der Klasse gibt, sondern es gibt mehrere Kinder, die LRS haben. Ich habe dann auch noch den bayerischen Legasthenie- und Dyskalkulieverband angeschrieben und wir haben dort auch sofort begonnen mit der Therapie und hatten das Glück, dass wir eben auch von hier, von der LMU aus der Studie jemanden bekommen haben. Das war natürlich toll für meinen Sohn, weil er dann alles schon gewöhnt war und das super anlaufen konnte.

 

Wie hat sich das Leben des Kindes und der Eltern nach der Diagnose der Lernstörung verändert?

 

I: Ich glaube, Sie haben das schon ein bisschen angedeutet, aber wie war es denn, als dann die Diagnose der Lernstörung kam, für Sie und auch für Ihr Kind?

 

M1: Für uns als Eltern war das zunächst mal keine Überraschung. Wir haben es schon gesehen im Laufe der ersten Klasse, wie das so mit den Korrekturen von schriftlichen Leistungen und Leistungen im Bereich der Mathematik aussah und dass es da auch größere Probleme gab. Es war in gewisser Weise eine Erleichterung, dass man jetzt auch was schriftlich hat und die Diagnose da war, die Legasthenie und eben auch die Dyskalkulie. Natürlich gerade auch mit diesem zweiten Punkt verbunden eine gewisse Unsicherheit, weil ja nur die Legasthenie tatsächlich anerkannt ist und die Dyskalkulie eben nicht anerkannt ist als Lernproblematik. Und es war für uns dann auch erstmal ein bisschen der Beginn einer anderen Form der Belastung, weil wir jetzt auch nicht wussten, wie wir genau damit umgehen sollen und wie wir unserer Tochter helfen können. Unsere Tochter, glaube ich, hat das Ganze relativ gut aufgenommen, die hat eben schon aufgrund anderer Vordiagnosen doch relativ regelmäßig in ihrer Kindheit Kontakt gehabt zu Ärztinnen und Ärzten und alle möglichen Tests gemacht. Da sie sich da, glaube ich, immer an uns Eltern auch orientiert hat und wenn wir da entspannt reingehen und ihr das so ein bisschen vernünftig erklären, dass sie da auch keinerlei Probleme damit hatte. Und sie hat gemerkt, da tut sich jetzt irgendwas, aber das hat sie jetzt nicht besonders beeinflusst, dadurch, dass wir auch früh mit der Diagnose dran waren, hatte sie auch noch keine größere Leidensgeschichte in dem Sinne.

 

M2: Ich kann mich dem auch noch anschließen. Also, für uns war es auch eine Erleichterung, zu wissen, was los ist. Dem Kind sozusagen einen Namen geben können und dann sich auch eben informieren, sprechen, andere Menschen finden, die damit auch schon in Verbindung waren und die damit Erfahrungen gemacht haben. Und unser Sohn, der war, glaube ich, sehr happy mit seiner Therapeutin und fand das total gut, dass er da hingehen konnte und hatte da auch wirklich Spaß. Von dem her war das für uns dann auch sehr, sehr gut zu wissen, er ist gut untergebracht und es läuft.

 

Wie wurde in der Schule auf die Diagnose der Lernstörung reagiert?

 

I: Okay, dann kommen wir vielleicht als Nächstes noch mal konkret zur Schule. Als Sie dann die Diagnose hatten, wie sind Sie da auf das Lehrpersonal zugegangen oder auf das Direktorat direkt? Wie war das bei Ihnen?

 

M1: Wir waren schon vorher im Gespräch gewesen, mit der Klassenleitung eigentlich auch schon sehr früh. Wenige Wochen nach Beginn der ersten Klasse war klar, da gibt es ein größeres Problem mit der Mathematik. Wir haben da auch als Eltern die Frage schon adressiert, ist sie jetzt hier in der richtigen Schule oder sollten wir doch über einen Wechsel in die Förderschule nachdenken. Darauf haben wir nie wirklich eine zufriedenstellende Antwort bekommen, die uns weitergeholfen hat. Dann, nachdem die Diagnose da war, waren wir in gewisser Weise in der Sondersituation Anfang 2020 kurz vor Beginn der Corona-Pandemie. Und nachdem wir die Unterlagen tatsächlich hatten, fielen wir ein bisschen in den ersten Lockdown mit rein, das heißt wir haben da nicht mehr besonders viel Austausch gehabt. Ich hatte dann ein Telefonat mit dem Direktorat, das wenig hilfreich war und Fragen nicht so richtig zufriedenstellend beantworten konnte. Ich habe selber dann ein bisschen rumrecherchiert. Das ist möglicherweise auch das Schicksal, dass man so hat, wenn man damit in Kontakt kommt, weil man eben von den Schulen auch zu wenig Informationen darüber bekommt und hatte dann gesehen, dass es so einen mobilen sonderpädagogischen Dienst gibt, den die Klassenleitung oder das Direktorat von der Schule selbst auch anfordern muss und kann. Das ist uns nie angeboten worden, das fand ich im Nachhinein bisschen schade und wir sind dann aber eben selbst als Eltern aktiv geworden. Und natürlich unterhält man sich im Freundeskreis mit anderen betroffenen Eltern und versucht sich dann seinen Weg zu suchen, aber die Schule war dabei eher nicht so hilfreich.

 

M2: Bei uns war es die Grundschullehrerin, die eben eingewilligt hatte, an dieser Studie teilzunehmen. Dadurch war sie ja schon sehr offen und als das dann alles rauskam bei uns, stand sie auch immer hinter uns, hat mir geholfen, was wir vielleicht mit unserem Sohn noch machen könnten. Ich selber bin nicht aufs Direktorat zugegangen, weil ich das Gefühl hatte, mit der Lehrerin komme ich gut zurecht, wir machen das gut zusammen. Mir wurde auch gesagt, dass in der Schule sogar jemand gewesen wäre, also eine Lehrerin, die am Nachmittag Übungen für LRS-Kinder gemacht hat, aber das haben wir nicht in Anspruch genommen, weil wir da die Therapie schon hatten und wir unseren Sohn nicht durcheinanderbringen wollten, weil das dann auch wieder vielleicht ein anderes Programm gewesen wäre. Und was ich ganz, ganz wunderbar fand, von meinem älteren Sohn die Klassenlehrerin, die mein jüngerer Sohn so nett fand auch, die hat zu mir gesagt: Jeden Tag 10 Minuten lesen, es ist ganz, ganz wichtig und wenn irgendjemand kommt und sagt 20 Minuten, 30 Minuten – nein, 10 Minuten lesen und das so lange wie möglich. Und das haben wir wirklich jahrelang durchgezogen, genau.

 

I: Gab es dann Schwierigkeiten auch vonseiten der Schule aus, als Sie dann die Diagnose bekommen haben?

 

M1: Das war ja bei uns wie gesagt gleich die Situation mit Corona. Wir konnten da gar nicht in dem normalen Alltagsbetrieb mehr darauf reagieren und hatten uns dann eben kundig gemacht. Wir hatten uns auch im Vorfeld schon informiert über Montessori-Schulen und haben dann relativ bald einen Platz angeboten bekommen bzw. Probeunterricht gemacht.  Die Situation jetzt ist gar nicht mehr vergleichbar mit der Situation, die wir damals hatten. Jetzt ist unsere Tochter eine unter mehreren mit einem Förderplatz und es gibt Verständnis für die Problematik. Wir sind einfach sehr dankbar, weil sie auf der Montessori-Schule wieder Freude und Spaß am Lernen gefunden hat und das war uns auch sehr wichtig gewesen.

 

M2: Unsere Erfahrung war in der ersten und zweiten Klasse Offenheit und Hilfe und dann in der dritten und vierten Klasse hat er eine andere Lehrerin bekommen und diese Lehrerin, muss ich leider sagen, die sogar einige Jahre auf der Montessori-Schule war, hat es nicht anerkannt, also hat eigentlich gesagt: LRS gibt es gar nicht, das ist nur, damit die Kinder einfach schneller aufs Gymnasium kommen, sozusagen.  Und das hat mich schon sehr geärgert, wir waren da Gott sei Dank auch mehrere Eltern, die sich zusammengetan haben. Wir saßen viele Nachmittage zusammen, haben auch rechtliche Fragen geprüft, was wir da machen können. Dann war es auch noch so, ich weiß nicht, ob es jetzt noch so ist, aber in der Zeit kam das dann auch noch, dass die Kinder eine Leseprüfung machen mussten. Also da gab es Proben und sie mussten einen langen Text lesen und dann Fragen dazu beantworten. Das war für meinen Sohn natürlich überhaupt nicht gut. Für die anderen natürlich auch nicht, also die anderen LRS-Kinder und das hat Frust gebracht, das hat richtig Frust gebracht. Weil sonst konnten wir unseren Sohn immer gut hochhalten, aber das…Ich habe auch ans Ministerium geschrieben und habe gefragt, warum sie denn sowas durchziehen? Warum sie die Kinder so darauf stoßen, dass sie so etwas noch nicht können? Ich habe zwar eine Antwort bekommen, aber ich fand es sehr traurig und ich ärgere mich heute immer noch darüber.

 

I: Verständlich, ja.

 

M2: Genau, und es war im Endeffekt dann auch so, dass er erstmal nicht auf die Realschule kam. Also ich habe immer klargemacht, er soll auf die Realschule, er soll nicht auf das Gymnasium, das war überhaupt nicht unsere Intention. Aber er hat dann erstmal ein Jahr auf der Mittelschule verbracht, weil die Lehrerin das eben so gar nicht gesehen hat, dass er das könnte.

 

Über die Erfahrung der Kinder mit Lernstörungen in den neuen Schulen

 

I: Sie haben schon so bisschen angedeutet, aber wie war dann die Erfahrung in den neuen Schulen jeweils? Also bei Ihnen in der Montessori-Schule und bei Ihnen in der Mittelschule, wie ging es dann weiter?

 

M1: An der Montessori-Schule war es dann so gewesen, das System ist ein bisschen anders. Also von der ersten bis zur vierten Klasse hat man dort dieselbe Klassenleitung. Wir hatten vielleicht auch ein bisschen Glück, dass da die Chemie auch stimmte und viel Verständnis da war und wegen der Förderkinder in der Klasse tatsächlich auch immer noch eine zweite pädagogische Kraft mit dabei war. Und wir kamen neu an die Schule, innerhalb der ersten Tage nach Beginn dieser Wiederholung auch der zweiten Klasse rief uns dann eine Sonderpädagogin an, stellte sich vor, erklärte, was ihre Rolle ist, dass sie mit unserer Tochter arbeiten würde und das hat uns einfach schon viel Erleichterung verschafft in der Situation. Das war eine sehr, sehr positive Erfahrung, die sich bis heute eigentlich zieht und bei der man sich natürlich immer wieder auch die Frage stellt, auch angesichts der Lernmethoden, die dort angewandt werden, warum sowas nicht auch im Regelbetrieb verbreitet ist. Also, wenn ich das eben auch von anderen Müttern höre, diese Tests und dieser Druck, den wir auch von der älteren Tochter kennen, der da für das Lernen eingesetzt wird, mit einem völlig anderen System zu vergleichen, wo es das nicht gibt und trotzdem mit sehr viel Freude und Neugierde große tolle Lernfortschritte auch bei unserer Tochter zu beobachten sind. Das Lesen ist viel besser geworden, im Bereich der Rechtschreibung ist es einfach auch schön zu beobachten, dass die Methode dort darauf abzielt, man punktiert die Fehlstellen. Unsere Tochter wird sozusagen aufgefordert, das erstmal selber zu korrigieren, sich damit auseinanderzusetzen und dann merkt man natürlich, okay da ist dann auch ein Wille des Kindes da, das nicht ständig machen zu müssen, sich vielleicht doch noch mal stärker auch mit dem Thema auseinanderzusetzen und sich das einzuprägen. Da sind viel größere Fortschritte als das, was wir im Regelschulbetrieb dann auch kennengelernt haben.

 

M2: Auf der Mittelschule war es so: Er war in einer Ganztagesklasse, da ist das ganze ja sowieso schon mal so, dass man zwei Lehrerinnen und Lehrer hat in der Klasse, die dann auch in den Hauptfächern eben zu zweit sind. Dadurch, dass nicht so viele Kinder zusammen sind und man sich besser auf eins konzentrieren kann, auch dadurch hat er da sehr viel Unterstützung gehabt. Auch sind Therapeutinnen und Therapeuten dort gewesen und Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, und die haben alle zusammen geholfen und immer geschaut, wie bringe ich das Kind weiter, wie halte ich es hoch, wie mache ich es, wie kriege ich es hin, dass es einen guten Schulalltag hat. Also von dem her muss ich sagen, war ich da sehr begeistert. Er ist danach dann gleich in der nächsten Klasse noch mal in die fünfte Klasse der Realschule gegangen, dort auch in die Ganztagsklasse. Dadurch hatten wir auch das Glück, dass eben noch ein zweiter Lehrer da war. Also da wird schon darauf geschaut bei den Ganztagsklassen, das hat ihm auch sehr geholfen. Natürlich war er dort nicht mehr so behütet wie auf einer Mittelschule, das muss ich schon auch sagen. Es war Gott sei Dank eine kleinere Klasse, was auch wieder für ihn gespielt hat und die Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter und die Psychologin, die dort sind, die haben auch sehr geschaut. Wir mussten es natürlich dann noch wieder neu testen lassen, das Ganze. Das sind auch Dinge, die ich nicht verstehe. In der Mittelschule das Jahr vorher wurde getestet, dann wieder getestet, es kommt eigentlich immer das Gleiche raus, aber ja. Und dann wieder die Empfehlungen mit Nachteilsausgleich und Zeitverlängerung oder was man sonst immer selber beobachtet hat, wie, was dem Kind guttut, dass man das eben mitangibt. Also schon auch immer im Gespräch mit den Eltern dabei zu sein, dass man da schaut.

 

Wie lief die Lerntherapie?

 

I: Gehen wir als nächstes Mal zur Therapie. Hat ihr Kind eine Lerntherapie gemacht und wenn ja, was ist da so passiert? Was war das für eine Lerntherapie?

 

M1: Unsere Tochter hat relativ bald, das war unser großes Glück, nach der Diagnose einen Platz bekommen. Wir hatten so ein bisschen recherchiert, wir hatten uns auch tatsächlich an den Landesverband gewandt für Legasthenie und Dyskalkulie und hatten da so ein bisschen geschaut, aber auch wieder durch eigene Recherche im Internet, hatten noch ein paar Empfehlungen aus der Klinik bekommen. Das wurde leider nichts aus verschiedenen Gründen und wir hatten, obwohl diese Sondersituation mit Corona sicherlich einiges auch ein bisschen beeinträchtigt hat, Glück, dass wir relativ bald die Therapeutin auch noch mal persönlich treffen konnten. Das funktionierte sehr, sehr gut und nachdem dann die Pandemie ausbrach und wir alle im Lockdown waren, ging die Therapie tatsächlich auch weiter über Videokonferenz. Das funktioniert da auch sehr, sehr gut und das war sehr abgestimmt auf die Interessen unserer Tochter, die mit einbezogen worden sind, auch sehr stark auf das buchstäbliche Begreifen immer auch ausgelegt. Also unsere Tochter, die sehr gerne mit Playmobil spielt, durfte dann auch ihre Playmobil-Männchen mit dazu nehmen und das hat, glaube ich, ganz gut funktioniert. Also bis heute macht sie diese Therapie.

 

M2: Ja, bei uns eben auch ab der zweiten Klasse war dann diese Therapie. Es mussten auch erstmal die einzelnen Buchstaben gelernt werden, gehört werden, begriffen werden im wahrsten Sinne des Wortes. Also da wurde auch wirklich mit den Händen gearbeitet und mit der Zeit gab es dann die Silbenbildung und was ich eben ganz toll fand, es wurde immer auf unseren Sohn eingegangen, immer geschaut und was ich ja vorhin schon gesagt hatte, er hat immer Spaß gehabt. Ich fand es immer wunderbar, wenn ich zum Schluss dann meinen Sohn wieder abgeholt habe, was ich für ein Gekicher in dem Raum habe hören dürfen, also, von dem her war das wirklich toll. Er hat jetzt anderthalb Jahre ausgesetzt und fängt jetzt wieder an, jetzt im Moment auch über Online das Ganze und das funktioniert aber auch sehr gut und immer noch bei der gleichen Therapeutin.

 

Die Suche nach einer passenden Lerntherapie

 

I:  Super! Sie haben schon so ein bisschen angedeutet, wie haben Sie denn Ihre Lerntherapeutin oder Ihren Lerntherapeuten gefunden?

 

M1: Wie gesagt, am Ende war das dann durch Internetrecherche, dass wir da rangekommen sind. Das ist ein größeres Zentrum, also mit mehreren Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten. Die Therapeutin, die unsere Tochter jetzt bis heute auch immer noch hat, hatte dann tatsächlich auch einen freien Termin, den wir wahrnehmen konnten. Die geht da immer wöchentlich für 45 Minuten rein in diese Videokonferenz jetzt aktuell und das ist eine sehr, sehr erfahrene Grundschullehrerin, die die Therapie übernommen hat. Das hat mich in Vielem tatsächlich auch so ein bisschen an meine Grundschulzeit erinnert. Und es ist auch nicht so, wie man es früher gemacht hat, immer alles schlecht, also das, was mir am stärksten auch aufgefallen ist, bei der Arbeit der Therapeutin mit unserer Tochter ist, dass sie mit viel simpleren Materialien arbeitet. Sie nutzt auch Arbeitsblätter, aber da ist immer sehr stark der Fokus auf eine bestimmte Thematik, die sie gerade mit unserer Tochter dann unternimmt. Und die vielen Lehrwerke, die ich aus der Grundschule jetzt mit kennengelernt habe, waren immer sehr ambitioniert, auch hier noch ein bisschen was und da noch zusätzlich und das noch auf diesem Weg zu erklären. Und bei einem Kind mit einer Lese-Rechtschreibschwäche und auch einer Dyskalkulie fand ich das immer sehr, sehr verwirrend, dass das alles gleichzeitig immer noch mit behandelt werden muss. Und man nicht einfach sagt: Okay, man entscheidet sich jetzt erstmal für einen Weg, das beizubringen und dadurch ist der Fokus, die Konzentration natürlich auch noch eine andere. Und das unterschied sich in meiner Wahrnehmung in dieser Lerntherapie eben sehr von dem Lernalltag in der Schule. Dieser Fokus auf eben eine Sache und die Konzentration auf einen Gegenstand und keine Überforderung. Das ist, was die andere Mutter gerade auch sagte mit diesem Lesen üben 10 Minuten, aber wirklich dann nur 10 Minuten, damit es überschaubar bleibt und das hat sich dann eben auch sehr stark von der Schule unterschieden. Da war die Reaktion immer, es funktioniert nicht, also noch ein Arbeitsblatt und noch ein Arbeitsblatt und noch ein Arbeitsblatt und da merkte man dann einfach, viel hilft nicht viel und das macht dann einfach nur Probleme. Dieser Fokus, diese Fokussierung, das war für uns, glaube ich, auch sehr wichtig zu sehen in der Lerntherapie, dass das viel größeren Erfolg mit sich bringt.

 

M2: Gefunden haben wir unsere Therapeutin eigentlich durch den Landesverband für Dyskalkulie und die Studie, genau.

 

Wo hat die Lerntherapie den meisten Fortschritt gebracht?

 

I: Noch abschließend zur Therapie, was denken sie denn, was ist das wichtigste, was Ihr Kind mitgenommen hat oder wo sie den meisten Fortschritt gesehen haben?

 

M1: Ich denke, sehr viel in der Lerntherapie zielte schon darauf ab, das Selbstbewusstsein unserer Tochter zu fördern und den Fokus wegzunehmen, der natürlich zwangsläufig entsteht, dass da nur Schwächen sind und das war immer ein sehr angenehmer, freundlicher Umgang. Auch bei uns war es so, dass man merkte, die haben viel Spaß und eine gute Zeit miteinander, das waren auch immer die Feedbackgespräche, die ich mit der Therapeutin hatte, dass die beiden wirklich gut und gerne zusammenarbeiten. Und das ist sicherlich ein ganz wichtiger Punkt gewesen. Für uns als Eltern wiederum war das eine wichtige Angelegenheit in der Hinsicht, dass wir wieder ein bisschen mehr Raum auch hatten, uns liebevoll unserer Tochter zuzuwenden und nicht immer nur diese Lernbegleiterinnen und Lernbegleiter zu sein, die wir eine Zeit lang durch die Regelschule dann auch waren. Dass man halt das Kind immer wieder dazu ermuntern muss, noch ein Arbeitsblatt und noch ein Arbeitsblatt und hier noch mal eine Schwäche zu behandeln. Das hat uns natürlich auch viel Luft wiedergegeben als Eltern.

 

M2: Ich denke auch, dass das Wichtigste war, das Selbstbewusstsein zu stärken und auch in der Zeit, also in der vierten Klasse war es bei uns dann wirklich so, dass unser Sohn gemerkt hat, er ist anders. Da ist es bei ihm irgendwie angekommen, weil natürlich viele dann “Ja, ich gehe aufs Gymnasium” und wie kann man dann den Durchschnitt für das Gymnasium nicht schaffen? Entschuldigung, aber es ist leider so, sowas gibt’s auch. Das war hart für ihn, sehr hart und da ist er auch sehr tief gefallen und wir haben wirklich erstmal Zeit gebraucht, ihn wiederaufzubauen. Dafür war die Therapeutin auch ganz, ganz wichtig und ich glaube, da wurde auch hauptsächlich am Selbstwertgefühl gearbeitet bei ihm. Was noch wichtig ist, finde ich, sind die Strategien. So in der Grundschule, finde ich, klappt das mit den Strategien noch nicht, aber je älter die Kinder werden, desto mehr merken sie: Wenn ich das jetzt so und so mache, dann klappt das ja immer, dann finde ich das doch noch raus, dass man das so und so schreibt zum Beispiel. Also, die Strategien werden immer wichtiger, die sie dann finden können und für uns Eltern eben auch. Einmal, dass wir jemanden haben, dem wir auch unsere Nöte mal sagen können, unsere Beobachtungen, auch, dass wir aufgebaut werden, muss ich schon ganz ehrlich sagen, in den verschiedenen Elterngesprächen, die wir hatten mit der Therapeutin. Und dann eben auch wieder eine andere Ebene zum Kind zu finden mit Spaß und auch wieder mehr Zeit für das zweite Geschwisterkind zu haben. Dass wir da eben nicht auch immer nur dieses Thema LRS und Lernen und gute Noten oder gut durchkommen. Gute Noten müssen ja gar nicht sein, sondern gut durchkommen, zufrieden durchkommen, das ist so das, was wir rausgezogen haben dann.

 

Wie hat sich die Lernstörung auf das Familienleben ausgewirkt?

 

I: Es klang auch schon so ein bisschen durch, aber vielleicht gehen wir noch mal konkret darauf ein, wie sich die Lernstörung denn auf Ihr Familienleben ausgewirkt hat.

 

M1: Ich kann das absolut bestätigen, bei uns war das genau das Gleiche. Gerade die Zeit für das Geschwisterkind ist zu kurz gekommen dadurch, dass sich alles oder sehr viel auf diese Lernstörungen bei unserer jüngeren Tochter konzentriert hat. Das war natürlich auch mit sehr viel Frustration verbunden insgesamt auf unserer Seite und auf der Seite unserer jüngeren Tochter, die betroffen ist, dann zu merken: Man arbeitet hart und man arbeitet viel, aber es bringt eben nicht das, was es bringen soll und man arbeitet einfach falsch. Also das Kind muss Dinge versuchen zu erledigen, die es so, wie es sozusagen bestückt ist, mit den Fähigkeiten nicht lösen kann im Schulalltag. Und es war natürlich zeitlich eine sehr, sehr große Belastung, noch diese zusätzlichen Arbeitsblätter mit reinzuquetschen in den Alltag. Und dann bleibt auch wenig Zeit für die Erholung und das ist, denke ich, auch gerade essenziell, wenn die lernen sollen, dass man das eben auch verarbeiten kann und Erholungsphasen hat, die dann wirklich zu kurz gekommen sind.

 

I: Welche Strategien haben Sie sich denn dann angeeignet oder vielleicht auch von anderen mitbekommen, um mit diesen Konflikten, die auch dann in der Familie natürlich entstehen, umzugehen?

 

M1: Tatsächlich hat uns die meiste Hilfe gebracht dann, diesen Schulwechsel in die Wege zu leiten. Also, für mich als Mutter war sicherlich sehr gut, mich der Problemlösung zu widmen und das Ganze dann auch anzustoßen und da weiterzukommen, mich um einen anderen Schulplatz für unsere Tochter auch zu bemühen. Und das hat dann die größte Erleichterung tatsächlich auch für uns gebracht, dass dieser Schulwechsel dann so schnell auch kommen konnte, dass es noch mal die Wiederholung auch der zweiten Klasse gab, dass man sich da auch freimacht. Das kann ich absolut bestätigen, dass dieser Druck in den Regelschulen hoch ist. Nicht unbedingt nur von den Lehrkräften, sondern auch von dem Umfeld, in dem man sich bewegt. Dass man auf das Gymnasium gehen muss, ist praktisch wie gesetzt, als wäre das sowas Naturgegebenes. Und ich habe auch gemerkt, da mussten wir uns oder musste ich mich auch erstmal ein bisschen von freimachen, dass ich das für mich selber auch gesehen habe, das ist völlig unerheblich, ob sie jetzt auf das Gymnasium geht, sie soll ein glückliches Leben führen. Das war für mich der wichtigste Punkt und ob das jetzt über die Mittelschule, die Realschule oder über das Gymnasium geht, das ist völlig unerheblich gewesen. Die Frage nur, die Freude am Lernen, das ist tatsächlich eine Sache, die wir jetzt sehen, die wieder da ist auf der anderen Schule und das zu haben und so in die Welt zu gehen und damit bestückt zu sein. Das war einfach gut und wichtig für uns sozusagen in der Bewältigung dieser Situation.

 

M2: Für uns war es wichtig erst mal eben zu wissen, was er hat, wie es ihm geht, was wir tun können, dadurch wieder Ruhe reinzubringen in das Familienleben, neue Strategien zu finden, wie gehen wir jetzt vor. Und für mich war es auch noch ganz wichtig, immer wieder mal einen Schritt imaginär zurück zu machen und auf die Situation zu schauen, auch auf mich zu schauen und abzuschalten. Und auch eben dem jüngeren Sohn die Zeit wiedergeben, auch mal was anderes zu tun, als immer nur von der Schule zu hören oder irgendwo reingedrängt zu werden. Und dadurch gab es wieder so eine Lockerheit, eine Zufriedenheit und eben was auch die andere Mama schon gesagt hat, es ist wichtig, finde ich, dass die Kinder glücklich sind in der Schule. Ob jetzt Gymnasium, Realschule, Mittelschule, Montessori, Steiner, egal was sie machen. Das Glück, glücklich sein, das ist das Wichtige. Es gibt so viele Möglichkeiten heutzutage über irgendwelche anderen Wege, dann doch noch die Hochschulreife zu machen und studieren zu können. Das spielt, finde ich, in den unteren Klassen erstmal überhaupt keine Rolle. Und da eben auch wieder anzukommen für mich und das eben auch so zu sehen, weil man nämlich teilweise durch diesen Druck von außen selber in diesen Strudel reinkommt, oh Gott, oh Gott, Gymnasium muss doch sein, hin und her. Also, dass man da wieder rausfindet und seinen eigenen Weg findet, das finde ich ist das Wichtige und das hat uns ganz, ganz viel geholfen.

 

Tipps für die Eltern von Kindern mit Lernstörungen

 

I: Als letzte abschließende Frage: Haben Sie noch einen Ratschlag, einen Tipp, den Sie anderen Eltern von Betroffenen mitgeben können? Vielleicht auch irgendwas, was sie am Anfang noch nicht wussten, aber vielleicht gerne schon früher gewusst hätten?

 

M1: Diesen Punkt, dass man sich von diesem Leistungsdruck, der so gesellschaftlich an einen herangetragen wird, ein Stück weit befreit und versucht ein bisschen auf so eine Vogelperspektive zu kommen und zu reflektieren, was da passiert. Das ist, glaube ich, ein ganz wichtiger Ansatzpunkt für betroffene Eltern, diesen Schritt erstmal zu gehen. Und ich persönlich finde es immer wieder erstaunlich und auch sehr bedauernswert, dass Ausbildungsberufe und Bildungswege oder Abitur und ohne Studium heutzutage auch so wenig Stellenwert haben. Also was nutzt es, diese ganzen Akademikerinnen und Akademiker zu haben, wenn einfach zu wenig Wertschätzung und Anerkennung auch da ist für diejenigen, die halt dann wirklich auch im Handwerk, in sozialen Berufen die Arbeit machen müssen? Und ich kann mir sehr gut vorstellen beispielsweise, dass unsere jüngere Tochter eher einen Ausbildungsweg gehen würde. Aktuell würde ich jetzt mal vermuten, dass ihre Berufswünsche Richtung Erzieherin oder sowas gehen. Ob das dann nachher am Ende so ist, das weiß ich nicht, aber damit wäre ich fein und das ist, glaube ich eine Sache, die man als Eltern, aber auch in dem erweiterten familiären Umfeld und in dem sozialen Umfeld, in dem man sich bewegt, auch mit Selbstbewusstsein für sich selber dann auch durchsetzen muss. Dass man damit fein ist und dem Kind dadurch halt auch sozusagen einen Raum überlässt, indem es sich dann entwickeln kann. Für mich persönlich war es auch wichtig, mich mit anderen betroffenen Eltern auszutauschen. Ich hatte relativ bald nach der Diagnose mich dann auch beim Landesverband für Legasthenie und Dyskalkulie gemeldet, bin dort Mitglied geworden und habe auch schon mal einen Beitrag verfasst für die Mitglieder der Zeitschrift. Das war sicherlich auch eine Sache der Verarbeitung, die für mich wichtig war und auch nach wie vor ist. Ich würde nicht in diesem Podcast sitzen, wenn mir dieses Thema nicht auch wirklich eine Herzensangelegenheit wäre: anderen Eltern, anderen Betroffenen auch Mut zu machen, das Thema wirklich aktiv anzugehen und darüber zu sprechen und so auch mit dazu beizutragen, dass es anderen Kindern vielleicht zukünftig auch bessergehen kann.

 

M2: Ich würde sagen, wir hatten das große Glück eben mit der Studie, das hat nicht jeder, dass er da so eintauchen darf und da schon vieles mitbekommen. Dadurch muss ich sagen, habe ich mich immer gut informiert gefühlt. Aber was ich eben auch, was die andere Mama schon gesagt hat, was ich ganz wichtig fand, mich eben mit anderen Eltern auszutauschen. Also es wäre immer gut, sich Hilfe zu suchen oder zu hören in der Schule, wen gibt’s denn noch und sich zusammenzusetzen und überall die Erfahrungen zu sprechen. Das erleichtert schon vieles. Wichtig ist meiner Meinung nach auch, die Lehrerinnen und Lehrer anzusprechen, zumindest die Klassenlehrerinnen und Klassenlehrer, mit denen immer in Kontakt zu bleiben und zu sprechen, was kann man denn als Eltern vielleicht noch mit dazugeben, das ist das eine. Dann eben fachliche Hilfe durch den Legasthenieverband sich zu holen und nicht so viel im Internet zu surfen, weil da doch sehr, sehr viel drinsteht und auch Unterschiedliches oder Gegensätzliches, dass man manchmal gar nicht mehr weiß, was ist denn jetzt das richtige. Und vielleicht auch Rituale zu finden und sich daran festzuhalten. Auch als Erwachsener sind Rituale, finde ich, ganz, ganz wichtig und das sind so die Dinge, die mir sehr geholfen haben. Und was ich noch sagen möchte, immer nach außen gehen, also mit den Lehrerinnen und Lehrern reden oder überhaupt sich Infos holen, dass das Kind eben LRS hat und nicht verschweigen, weil das ist für das Kind das Allerschlimmste. Er weiß gar nicht, wie komme ich weiter, also das habe ich leider auch erleben müssen, dass es Eltern gab, die das nicht offiziell gemacht haben und diese Kinder sind wirklich dann irgendwann psychisch untergegangen, und dass es nichts Schlimmes ist, also von dem her.

 

M1: Darf ich da noch ganz kurz anschließen, also sozusagen auf die Frage mit den Tipps für andere betroffene Eltern? Ich möchte das noch mal unterstreichen –  nicht zu viel im Internet rumfahren, aber das gilt ja eigentlich auch für jedes Gesundheitsthema. Vielleicht gibt es da natürlich auch viele hilfreiche Informationen, die sind bisweilen gerade auf den Seiten des Schulamtes gar nicht so gut aufbereitet, dass man die sofort finden kann und das macht die Sache auch nicht unbedingt leichter. Und was vielleicht eigentlich auch eine Selbstverständlichkeit ist und ich trotzdem noch mal sagen möchte, man muss einfach auch sich sehr bewusst den Stärken des eigenen Kindes zuwenden, weil einfach so viel Fokus auf den Schwächen liegt durch diese Lernstörungen und ich glaube, das gelingt einigen Eltern relativ leicht natürlich, auch das Positive zu sehen. Aber auch mit dem Kind darüber zu reden, was es alles kann und vielleicht was es auch kann eben gerade, weil es diese Lernstörung hat. Also in unserem Fall bei unserer Tochter beobachte ich doch eine recht fortgeschrittene emotionale Reife auch mit sehr vielen Sinnfragen, die sie trotz ihrer neun Jahre schon stellt. Das finde ich sehr fortgeschritten, das kommt bisweilen auch an Reflexion. Und ich nehme mal an, das hat auch sehr stark damit zu tun, dass sie immer wieder damit konfrontiert ist auch in ihrem Alltag, dass sie irgendwie von der Norm abweicht und eben bestimmte Erwartungen nicht erfüllen kann, die an sie herangetragen werden. Dann laufen natürlich bei ihr innere Prozesse ab, die dazu führen, dass sie aber eben auch in der Hinsicht schon sehr weit ist. Viele Dinge werden einfach in der Diagnostik und auch im Schulalltag dann nicht allzu sehr mit in den Blick genommen, was eben dann die Stärken betrifft. Das auch irgendwie mal als Gegenpol zu setzen, das ist eine Erfahrung, die wir dann wiederum in der Schule auch als sehr positiv wahrgenommen haben. Dass die Lehrkraft da auch sehr viel Wert darauf legt, dass das Kind vor der Klasse glänzen kann. Also, dass sie sagt, sie sieht einfach die Begabung im künstlerischen Bereich und das hebt sie auch besonders in der Klasse hervor, damit sie diese Erfolgserlebnisse hat und das finde ich eine sehr, sehr schöne Sache. Das kann ich auch noch mal mitgeben, auf die Stärken des Kindes nochmal besonders eingehen und auch darüber sprechen.

 

I: Vielen lieben Dank für dieses interessante Gespräch und die guten Informationen, die wir hier bekommen haben. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft und hoffentlich sehen wir uns bald mal wieder.

 


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