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LONDI-Podcast Folge 1: Die Arbeit einer Lerntherapeutin

Aktualisiert: 23. Apr.



Lerntherapeutin im Gespräch mit dem Jungen in der Therapiestunde

Dieses Interview wurde ursprünglich als Podcast aufgezeichnet und Sie können es hier anhören.


Hallo und willkommen zum LONDI-Podcast. In diesem Podcast und auf unserer Plattform londi.de dreht sich alles um das Thema Lernstörungen. Es geht also um die Lese- und Rechtschreibstörung, auch Legasthenie oder LRS genannt und die Rechenstörung, auch als Dyskalkulie bezeichnet.

 

Heute möchten wir einen Einblick in das Thema Lerntherapie geben. Dazu haben wir eine praktizierende Lerntherapeutin eingeladen. Sie ist nach den Richtlinien des Bundesverbandes Legasthenie und Dyskalkulie zertifizierte Lerntherapeutin, Diplom-Musiktherapeutin und hilft Kindern mit Lernstörung schon seit vielen Jahren therapeutisch.

 

Interview zum Thema Lerntherapie bei Kindern mit Lernstörungen

 

Interviewer: Vielen Dank, dass Sie heute hier sein können, um uns über Ihre Arbeit als Lerntherapeutin zu erzählen. Vielleicht fangen wir mal mit was ganz Allgemeinem an. Was ist denn die Lerntherapie eigentlich, was kann ich mir darunter vorstellen?

 

Lerntherapeutin: Also, Lerntherapie ist eine sehr spezielle pädagogische und psychotherapeutische Förderung von Lern- und Leistungsstörungen, eben z. B. Legasthenie oder Dyskalkulie. Sie enthält ganz verschiedene Elemente aus den verschiedenen Bereichen, z. B. aus der Verhaltenstherapie mit Token-Programmen, aus der Heilpädagogik oder aus anderen Therapieformen. Sie erfordert für mich immer eine fachkundige Diagnostik, damit man genau weiß, wie man mit dem Kind arbeiten könnte und wo die Probleme liegen. Häufig sind eben bei diesen Kindern Folgestörungen da, die die Lerntherapie miteinbezieht, z. B. Schulangst, Schulverweigerung, Depressionen, Ängste, ADHS etc.

 

Interviewer: Wie kann ich mir jetzt so einen Lerntherapie-Tag vorstellen? Was machen Sie da so mit den Kindern?

 

Lerntherapeutin: Das ist sehr individuell, sehr verschieden. Es kommt darauf an, wie alt das Kind ist, welche Störung es hat, ob es eine Legasthenie oder Dyskalkulie oder vielleicht beides hat. Als Beispiel: Wenn das Kind sehr betroffen ist und z. B. alle drei Bereiche betroffen sind, also Lesen, Schreiben und Rechnen, dann kümmere ich mich meistens um das Lesen und das Rechnen, das Schreiben fällt dann meist eher hinten runter. Wir versuchen dann auch angepasst an den Schulstoff zu üben. Ich schaue, dass ich dem Kind helfe, gerade im Rechtschreiben bestimmte Übungen zu machen und viel zu lesen. Auch viel in der spielerischen Form, also das soll keine Stunde sein, die das Kind an die Schule erinnert, sondern es soll eine Stunde sein, wo es mit Spaß lernt, wo es Freude am Lernen hat, wo vieles auf einer spielerischen Ebene läuft.

 

Der Unterschied zwischen Lerntherapie und Nachhilfe

 

I: Jetzt fragen sich vielleicht noch viele Eltern, was sind Unterschiede zwischen Lerntherapie und Nachhilfe.

 

L: Also, Nachhilfe bedient die Schülerinnen und Schüler, die Lücken haben. Das heißt, wo Lücken entstanden sind, weil Unterricht versäumt wurde durch Krankheit, oder weil ein häufiger Lehrerwechsel war, oder Lücken entstanden sind, weil das Kind eine faulere Phase hatte und nicht so viel mitgelernt hat, grade in der Pubertät oder sowas. Das macht die Nachhilfe. Das ist der Sinn des Ganzen, die Lücken zu schließen, das findet oft in Gruppen statt. Da geht’s um ganz konkretes Wissensaufholen und das macht die Lerntherapie nicht. Wir haben es mit Störungen zu tun, die sehr tiefgreifend sind. Wir versuchen die wirklich an der Basis zu packen und zu gucken, dass wir den Kindern da helfen.

 

I: Wer kommt zu Ihnen in die Lerntherapie?

 

L: Die meisten Kinder kommen zwischen der 2. Klasse und der 10. Klasse. Ich habe eigentlich alle Schulformen, selten kommen auch Erwachsene. Und ich freue mich auch sehr auf Kindergartenkinder und Vorschulkinder. Das heißt, wenn im Kindergarten Erzieherinnen und Erzieher darauf aufmerksam geworden sind, dass das Kind sehr große Probleme in Vorläuferfertigkeiten hat, nicht zählen kann und keine Mengenerfassung hat, dass sie es zu mir schicken und dass wir da schon versuchen, präventiv was zu machen, was wirklich ganz hilfreich ist und dem Kind hilft, einen besseren Start zu bekommen.

 

Was versteht man unter Vorläuferfertigkeiten?

 

I: Jetzt würde ich gerne was zu den Vorläuferfertigkeiten fragen. Was genau ist das und wann kann man erkennen, dass da was nicht stimmt?

 

L: Also, unter den Vorläuferfertigkeiten bezeichnet man Fertigkeiten, die ein Kind benötigt, wenn es in die Schule kommt. Das heißt, es gibt eine Schuluntersuchung und da wird eben in dem Bereich geguckt, ob das Kind z. B. im mathematischen Bereich Mengen erfassen kann, ob es zählen kann, ob es Größenunterschiede feststellen kann und ob es generell Mengen differenzieren kann. Im sprachlichen Bereich wird erfasst, ob ein Kind z. B. reimen kann, ob ein Kind Silben klatschen kann eventuell. Das gehört unter den Bereich des phonologischen Bewusstseins, ob ein Kind schon Anlaute hören kann. Also, sag mir mal, du hörst das Wort „Oma“? Mit was fängt denn das Wort „Oma“ an? Solche Geschichten. Es gibt ganz schöne Programme, das kann man ganz schön im Kindergarten üben, viele Kindergärten machen das auch. Das wohl bekannteste Programm ist das „Hören, lauschen, lernen“. Das wird im Würzburger Trainingsprogramm in ganz vielen Kindergärten gemacht. Oder auch der „Wuppi“, den lieben die Kinder. Das ist so ein Kerl mit den goldenen Hörnern oder Antennen, den mögen die Kinder total gerne. Und auch in Mathe gibt es das „Zahlenland“. Wenn bei diesen Programmen so ein Kind auffällig wird, also das Kind einfach nicht zählen kann, das Kind sich schwertut, wenn man ein Würfelspiel spielt, das Kind einfach nicht sechs Felder gehen kann und sich immer verzählt, oder immer eine Zahl überspringt. Oder man merkt ihm an, es tut sich wahnsinnig schwer mit Mengen, also es hat überhaupt keinen Bezug dazu. „Gib mir mal drei Stifte“ –  und es kann nicht drei Stifte nehmen, sondern muss diese drei Stifte immer zählen. Also wir reden hier wirklich bis fünf jetzt mal. Genauso eben, wenn ein Kind sich schwertut, seinen Namen zu klatschen oder z. B. gibt es da ganz verschiedene Spielchen: „Wer-hat-den-Keks-aus-der-Dose-geklaut?“. Und wenn ein Kind bei sowas große Probleme hat, solche Sprechspiele z. B. mitzumachen, das lieben Kinder, das mögen sie ganz, ganz gerne, da kommt dann jeder Name vor. Oder auch „Was ist dein Lieblingsessen?“ geklatscht und sowas. Die Kinder haben da Probleme mit den Silben oder eben auch mit dem Reimen. Sie finden vielleicht so ein Reimwort wie „Maus-Haus“, was eben ganz typisch ist. Aber Kinder sind da ja oft ganz kreativ und reimen dann irgendwelche Pseudowörter, die es überhaupt nicht gibt. Wenn da ein Kind Auffälligkeiten zeigt, dann ist es sinnvoll, da was zu machen. Das kann man z. B. machen, indem man, viele Heilpädagoginnen und Heilpädagogen machen das, die sich dann mit solchen Vorläuferfertigkeiten beschäftigen. Also wenn man eben noch nicht zu einer Therapeutin oder einem Therapeuten geht, weil es mit der Kostenübernahme schwieriger ist, oder weil das Jugendamt noch nicht dran ist. Heilpädagoginnen und Heilpädagogen, Logopädinnen und Logopäden oder Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten, um zu schauen, dass man dem Kind ein bisschen auf die Sprünge hilft. Aber es muss jemand sein, der oder die sich in diesem Bereich auskennt. Das finde ich ganz wichtig.

 

Dauer und Verlauf einer Lerntherapie

 

I: Wie oft läuft die Lerntherapie in der Woche und über welchen Zeitraum erstreckt sie sich durchschnittlich?

 

L: Also, normalerweise einmal wöchentlich über 45 Minuten. Es ist unterschiedlich, über welchen Zeitraum sie sich erstreckt. Wenn ich jetzt die Kinder, die übers Jugendamt kommen, habe: die haben in der ersten Bewilligung zwischen 30 und 40 Stunden. Sie haben dann manchmal noch eine Weiterbewilligung, wo ich dann max. auf 70 Stunden komme, d. h. da bin ich Minimum 2 Jahre beschäftigt. Ich habe aber auch viele Kinder, grade in der Dyskalkulie, wo dann die Förderung ausläuft und dann die Eltern privat weiterzahlen. Die kommen dann oft 5-6 Jahre, bis der Abschluss geschafft ist.

 

I: Werden die Eltern bei Ihnen auch in die Lerntherapie miteinbezogen ?

 

L: Ja, mir ist Elternarbeit sehr wichtig. Ich versuche also erstens immer mal wieder ein Feedback zu geben, d. h., dass ich den Eltern sehr viel Positives versuche über ihre Kinder zu erzählen. Weil ihnen einfach auch oft nicht viel Positives passiert, in den Familien viele Spannungen da sind und es einfach schwierig ist, das Lernen. Die Mama und das Kind streiten und deswegen gibt es ganze Nachmittage, die an den Kindern und den Eltern vorüberziehen, wo nichts Anderes gemacht wird und nur Schule Thema ist. Das finde ich sehr schwierig, dass ich dann immer wieder versuche, den Eltern sehr viel Positives und auch Ideen zu geben, wie man das vielleicht anders machen könnte, und ihnen auch zu helfen, wie man es zu Hause anders organisieren könnte. Einfach, um sie ein bisschen zu beraten. Und ich versuche auch immer, die Eltern im Kontakt mit der Schule zu unterstützen. Also, wenn da irgendwelche Probleme sind, dass ich mitgehe zu den Lehrerinnen und Lehrer und auch versuche, als eine neutrale Vermittlungsperson zwischen Lehrerinnen und Lehrer und Elternhaus dazustehen.

 

Die Lerntherapie für Kinder mit begleitenden Störungen

 

I: Kinder mit Lernstörung haben häufig auch andere Probleme wie ADHS oder, wie Sie schon gesagt hatten, Schulangst. Wie ist es denn, wenn die Kinder mit diesen anderen Problemen zu Ihnen kommen? Wie wirkt es sich auf die Therapie bei denen aus?

 

L: Das ist unterschiedlich, je nachdem, mit was für einem Paket sie kommen. Also, wenn ich jetzt so ein Kind habe, das eine sehr stark ausgeprägte ADHS hat, dann gehe ich davon aus, das ist ein sehr chaotisches Kind. Dann bin ich oft erstmal damit beschäftigt, die erste Stunde erstmal eine Struktur hinein zu bringen, d. h. ich versuche, dem Kind erstmal bei ganz banalen Dingen zu helfen: Wie schaut mein Schulranzen aus? Was habe ich dabei? Also wenn das Kind direkt von der Schule kommt, wie bekomme ich dieses Chaos aus diesem Schulranzen weg und wie bekomme ich es hin, dass alle Materialien, die wir brauchen, dabei sind. Wie bekommt das Kind es hin, dass es ein Hausaufgabenheft führt. Und dass man das erstens lesen kann, zweitens alle Hausaufgaben auch wirklich drinstehen und drittens, ich auch noch abhake, dass ich alle Hausaufgaben gemacht habe. Das hört sich banal an, aber für manche Kinder ist es unglaublich schwierig, das zu regeln und hinzubekommen. Gerade Kinder, die den ganzen Tag betreut sind, sind dann am Abend fertig und möchten dann zu Hause nicht noch mal den ganzen Schulranzen ausleeren und noch mal alles kontrollieren, sondern das muss dann gemacht werden. Sie müssen sich dann auch selber organisieren können und gucken, dass sie wirklich alles haben. Das finde ich ganz, ganz wichtig. Und auch bei Kindern, die z. B. eher die Träumervariante haben und dazu neigen, schnell aus dem Fenster zu schauen, zu träumen und zu gucken, sie sehen dann irgendein Vogel, sie sehen ein Schmetterling, sie sehen sonst was. Dann versuche ich es mit Verstärkermethoden, wie z. B. durch Hinklackern oder ich scheppere mit irgendwas auf dem Tisch. Wie auch immer, ich versuche zu motivieren und dass es wieder weitergeht. Das ist jetzt beim ADHS sehr typisch, bei Kindern, die… Ich habe auch 2 Kinder, die sehr, sehr starke Essstörungen entwickelt haben, gepaart mit einer Depression. Da ist immer ein großer Anteil der Lerntherapie, dass wir darüber sprechen: Wie geht es dem Kind? Wie läuft es in der Schule? Um einfach zu versuchen, dass dieser Teufelskreis nicht noch schlimmer wird, sondern dass man da ganz viel auffangen kann. Also, das ist mir ganz wichtig in der Stunde, dass die Kinder das Gefühl haben, dass sie kommen können und was erzählen können und dass es da auch aufgehoben ist, dass das erstmal nicht zu Eltern wandert. Also wir machen das immer aus, wenn sie wollen, dass ich es dann den Eltern erzähle und vor allen Dingen, dass sie mal ihre Sorgen, Nöte und Ängste, die sie so haben, loswerden können.

 

I: Wie ist es mit Kindern, die mehrsprachig aufwachsen?  Haben Sie da schon Erfahrung gemacht?

 

L: Ja, habe ich auch. Das ist oft sehr schwierig, weil die Kinder natürlich zwischen den Sprachen oft switchen und wenn sie dann schon eine Legasthenie haben und dann auch noch in den zwei Sprachen nicht ganz sicher sind, dann ist das oft sehr schwierig. Ich mache die Therapie allerdings immer in Deutsch. Es gibt aber Lerntherapeutinnen und Lerntherapeuten, (weil ich auch keine Muttersprachlerin bin in einer anderen Sprache), die z. B. auch auf Englisch arbeiten oder eben zweisprachig arbeiten, die da aber wirklich sicher sind in der Sprache.

 

Was tun bei Verdacht auf eine Lernstörung bei einem Kind?

 

I: Okay, vielleicht so ein paar Tipps, dass Eltern herausfinden können, ob die Lerntherapie für ihr Kind geeignet ist. Wie erkennt man denn als ein Elternteil, dass das Kind vielleicht eine Lerntherapie benötigen würde?

 

L: Also, wenn ein Verdacht besteht, dass irgendwas nicht ganz stimmen könnte, manche Eltern haben den Verdacht selber, weil sie oft schon ältere Kinder haben und sagen „Mensch, da stimmt irgendwas nicht, das kenne ich von meinem älteren Kind, das hat sich da nie so schwergetan“. Oder auch Lehrerinnen und Lehrer, auf die Eltern zukommen und sagen „Irgendwas ist da nicht ganz in Ordnung“. Da würde ich immer versuchen, eine Testung anzustreben. Und zwar unbedingt wirklich eine neutrale Testung außerhalb, da gibt’s auch verschiedene Möglichkeiten. Man kann zur Kinder- und Jugendpsychiaterin oder zum Kinder- und Jugendpsychiater gehen, man kann in eine Klinik gehen, man kann in ein SPZ gehen. Das ist wichtig, weil dann hat man das Ganze und man kann sich sicher sein, was das Kind hat und ob es vielleicht auch noch andere Probleme hat. Wie auch immer, dann wird es wirklich gut angeschaut und auch eine Lerntherapeutin oder ein Lerntherapeut kann dieses Gutachten dann lesen und einfach sehen, „Mensch, mit was habe ich es denn hier zu tun“ und man kann sich ein gutes Bild machen. Dazu würde ich immer ermutigen, weil ich das ganz, ganz wichtig finde, dass man das einfach auch nicht zu lange herauszögert. Ich finde es auch wichtig, denn man kann wirklich ab Ende der ersten Klasse schon ganz viel testen und dann spätestens in der zweiten Klasse, dass man grade bei Lernstörungen nicht zu spät dran ist. Wenn ich eine Dyskalkulie in der Therapie in der zweiten Klasse bekomme, dann kann ich ganz, ganz viel machen. Wenn in der vierten Klasse, dann ist das Kind schon so frustriert oft, weil der Zahlenraum schon so groß ist, da wird es dann wirklich schwierig. Das muss man sich wirklich so vorstellen: Wenn ein Kind, gerade in Mathe, in die vierte Klasse kommt, dieser Zug ist an dem Kind schon vorbeigefahren, an der Haltestelle konnte das Kind schon nicht mehr einsteigen, weil der Zahlenraum sich immer mehr erweitert und das frustriert immer mehr. Bei einer Legasthenie habe ich da noch mehr Möglichkeiten. Wenn es gerade um Rechtschreiben geht, kann ich eine Haltestelle auslassen und dann kann ich wirklich versuchen, ganz, ganz viel zu üben, aber gerade bei Dyskalkulie habe ich da wirklich Probleme, weil es ja keinerlei Nachteilsausgleich und Notenschutz für die Dyskalkulie gibt und desto früher man was macht, umso besser.

 

I: Bedeutet das dann, dass es bei einer Lese- und Rechtschreibstörung nicht so wichtig ist, früher anzufangen, oder?

 

L: Nein, absolut, das ist genauso wichtig. Also vor allem das Lesen ist natürlich wichtig. Da möchte ich immer drauf eingehen, wenn ein Kind sehr spät erst im Lesen gefördert wird, tut es sich enorm schwer. Ich habe manchmal tatsächlich Fünftklässler, die sehr, sehr schlecht lesen und sehr, sehr langsam und oft immer noch beim Verschleifen sind, wirklich Wörter erlesen müssen. Das dauert unglaublich lange, bis man da dann ein flüssiges Lesen hinbekommt. Man kann da aber absolut noch ganz, ganz viel machen, um Gottes willen. Wenn man da gut dranbleibt und wenn das Kind viel übt, kann man das wirklich gut hinbekommen. Aber natürlich auch da umso früher, umso wichtiger. Genauso beim Rechtschreiben: Wenn ich ein Kind in der zweiten Klasse bekomme, das ganz schlecht rechtschreibt und das da wirklich noch nicht lautgetreu schreiben kann, das noch viele Buchstaben auslässt und irgendwelche Buchstaben-/Lautverbindungen schreibt, die einfach noch gar nicht übereinstimmend sind mit dem, was es hört. Auch da kann ich noch viel, viel machen und kann natürlich von dem Kind viel Leiden abwenden, je früher ich anfange, weil umso weniger Misserfolge wird das Kind bekommen.

 

Was soll man bei der Suche nach einer Lerntherapie beachten?

 

I: Können Sie den Eltern vielleicht ein paar Tipps geben, was sie bei der Suche nach einer Therapeutin oder einem Therapeuten beachten sollten?

 

L: Also, ich finde wichtig, dass die Therapeutin oder ein Therapeut ein BVL Zertifikat hat oder auch FiL – das ist der Fachverband für integrative Lerntherapie oder eben der BVL ist der Bundesverband für Legasthenie und Dyskalkulie. Das ist wichtig. Viele, viele Jugendämter achten da auch mittlerweile sehr drauf und zertifizieren auch gar keine anderen Therapeutinnen und Therapeuten mehr. Das heißt, dass die Therapeutin oder der Therapeut wirklich eine gute Ausbildung und ein Curriculum durchlaufen hat, was sinnvoll ist, was gut ist, was alle Bereiche abdeckt: pädagogisch, psychologisch, die Didaktik, diagnostische Elemente etc. Da würde ich auf alle Fälle draufschauen.

 

I: Wahrscheinlich ist Eltern natürlich auch die Frage wichtig, inwiefern denn die Kosten einer Lerntherapie übernommen werden können. Können Sie uns dazu was sagen?

 

L: Auch das ist ein bisschen verschieden, das ist leider nicht ganz einheitlich. Die Jugendämter…das liegt grundsätzlich bei den Jugendämtern, die Kosten der Therapie zu übernehmen. Wenn ein Gutachten nach dem Paragrafen 35a Sozialgesetzbuch vorliegt, d. h., dass das Kind einen Anspruch auf Eingliederungshilfe hat, dann bedeutet das, dass die seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für ihr Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist oder eine solche Beeinträchtigung zu erwarten ist. Das ist ein bisschen Auslegungssache, wie streng die Jugendämter das handhaben. Es gibt, muss ich ehrlich sagen, Jugendämter, die sind dann sehr streng. Da wird immer eine Schulangst oder Schulverweigerung, also wirklich eigentlich so, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, vorausgesetzt. Da müssen dann auch die Lehrer Gutachten schreiben über die Kinder, was sie oft gar nicht können, weil kein Kind sich hinstellen, vor dem Lehrer jeden Tag weinen und sagen wird, wie es wirklich ausschaut und wie schlecht es ihm geht. Da tun sich die Lehrer wirklich oft schwer und es gibt auch Jugendämter, denen ist dieses Gutachten der Lehrerin oder des Lehrers wichtiger als das psychiatrische Gutachten. Das ist sehr schwierig dann. Es gibt aber auch Jugendämter, die wirklich ein Gutachten bekommen von einer Klinik, von einer Psychiaterin oder einem Psychiater und sagen “Ja, das liegt eindeutig vor, da brauchen wir nicht viel mehr, Sie bekommen das bezahlt”, sind da offen und helfen den Kindern auch sehr gut.

 

I: Genau. Wer kann so ein Gutachten erstellen? Sie haben das schon bisschen angedeutet.

 

L: Das können niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterinnen und Kinder- und Jugendpsychiater erstellen, das können kinder- und jugendpsychiatrische Kliniken erstellen, sowas wie ein SPZ könnte das erstellen oder auch niedergelassene Psychologinnen und Psychologen. Es reicht nicht, ein schulpsychologisches Gutachten vorzulegen. Das ist sehr wichtig. Wenn man eine Therapie möchte, oder eine Therapie beantragen möchte, sollte man den Weg direkt zu einer Fachärztin oder einem Facharzt nehmen, weil man sonst sehr viel Zeit verliert. Denn wenn ich erst auf das Gutachten von einer Schulpsychologin oder einem Schulpsychologen warten muss und dann wieder einen Termin bei einer Fachärztin oder einem Facharzt oder bei einer Klinik ausmache, dann ist manchmal so ein Jahrgang schnell vorbei. Deswegen würde ich, wenn ich eine Therapie möchte, immer diesen Weg gehen und gleich außerhalb der Schule testen lassen.

 

I: Aber prinzipiell besteht natürlich auch die Möglichkeit, privat zu zahlen, oder?

 

L: Prinzipiell besteht immer die Möglichkeit, privat zu zahlen. Das machen auch viele Eltern, weil sie einfach sagen, sie möchten mit dem Jugendamt eigentlich gar nicht in Kontakt kommen, oder sie möchten auch nicht weiter, dass das irgendwo groß in irgendwelchen Akten vermerkt ist. Sie möchten es einfach privat zahlen, ist aber jederzeit möglich.

 

 

I: Wie ist denn das, in der Corona-Zeit hat sich ja wahrscheinlich vieles geändert, für Sie auch? Gibt es da die Möglichkeit der Online-Therapie?

 

L: Ich habe selber Gott sei Dank wirklich nur sechs oder sieben Wochen online machen müssen mit allen. Das war im ersten Lockdown im März-April-Mai 2020. Danach durften wir sofort wieder aufmachen und mussten auch nicht mehr schließen. Auch als letztes Jahr an Weihnachten die Schulschließungen waren, mussten wir nicht zumachen. Ich habe dann allen Eltern die Wahl gelassen, ob sie online die Therapie haben möchten oder ob sie kommen möchten. Bis auf ein Kind sind alle Kinder bei mir in Präsenz gekommen. Sie haben es sehr genossen, dass sie in Präsenz kommen konnten. Ich habe das auch gemacht, weil ich es auch ganz wichtig fand, dass die Kinder kommen können, sie hatten ja genug online. Deswegen habe ich das in Präsenz angeboten. Was aber nicht gegen die Online-Therapie spricht. Das ist wunderbar und super, dass man das machen kann und dass wir das machen konnten, war super. Da haben wir alle ganz viel gelernt daraus. Es ist auf alle Fälle eine supergute Alternative.

 

I: Ja, was sind dann vielleicht noch zusätzliche Aktivitäten, die man neben der Lerntherapie noch machen kann, die sich auch positiv auf Kinderlernstörungen auswirken, also aus Ihrer Erfahrung? Was kann den Kindern denn noch zusätzlich zu einer Lerntherapie vielleicht helfen?

 

L: Also, jetzt einfach mal im privaten Bereich, ich finde das ist immer toll, wenn ein Kind noch einen anderen Ausgleich hat. Ich habe viele Kinder, die sich ganz, ganz viel Bestätigung durch den Sport holen, wenn sie irgendwo in einem Sportverein sind, vielleicht noch in einer Mannschaft sind oder irgendwelche Wettkämpfe machen. Sie haben dann oft ganz viele Talente, das finde ich ganz, ganz toll. Da kriegen sie ganz viel Bestätigung und das erzählen sie immer ganz glücklich, wenn am Wochenende wieder irgendein Wettkampf war. Das Gleiche gilt natürlich für Musik. Wenn ich ein sehr musikalisches Kind habe, dass ein Kind einfach ein Instrument spielt, im Orchester spielt oder sonstige künstlerische Begabungen hat, wie auch Schauspiel oder Malen. Sowas finde ich einfach gut, wenn man noch mal ein ganz anderes Hobby pflegt und sich darüber vielleicht auch ganz viel positive Erfahrungen holt.

 

I: Abschließend gibt es vielleicht noch etwas, was Sie den Kindern oder den Eltern mitgeben möchten? Was wir jetzt vielleicht noch nicht gesagt haben.

 

L: Also, ich kann nur alle Eltern ermutigen, eine Lerntherapie zu machen. Einfach aus dem Grund, weil man, glaube ich, erstens den Kindern natürlich helfen kann und zweitens auch den Eltern helfen kann, indem man wirklich ganz viel Spannung von Zuhause rausnimmt und eine Anlaufstelle ist für diese ganzen Sorgen und Nöte, die aufgrund der Lernstörungen auftauchen. Dass man die zusammen besprechen kann, dass man ein offenes Ohr dafür hat, dass man einfach den Eltern mit Rat und Tat zu Seite steht. Und ich werde ganz oft gefragt “Ja bringt denn sowas was?”. Und ich kann nur von meiner Seite sagen, natürlich ist es unterschiedlich. Bei einem Kind bewegt sich mehr, beim anderen bewegt sich weniger. Aber insgesamt mögen das die Kinder und die mögen es, dass sie diesen Schulstoff, der so oft belastend ist, in einer anderen Form noch mal kennenlernen, und dass sie mit Lernen auch nochmal positive Erfahrungen machen. Und deswegen kann ich das wirklich empfehlen, eine Lerntherapie zu machen.

 

I: Ja, super, vielen Dank! Auch, dass Sie heute hier sein konnten, um Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.

 

L: Gerne!

 


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